Jan Hus

05. Juli 2015 08:10; Akt: 06.07.2015 16:27 Print

Als in Konstanz noch Ketzer verbrannt wurden

von Rolf Maag - Vor 600 Jahren wurde Kirchenkritiker Jan Hus in Konstanz verbrannt. Das dort tagende Konzil war auch für die Eidgenossen von Bedeutung.

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Als sich die Kardinäle der Kirche 1414 in Konstanz zu einem Konzil versammelten, gab es nicht weniger als drei Päpste. Die Gläubigen waren verwirrt und fürchteten um ihr Seelenheil. Der römische König Sigismund hatte die Zusammenkunft der Kirchenfürsten seit langem gefordert, weil er diesen unhaltbaren Zustand unbedingt beenden wollte.

Dieses Ziel wurde auch erreicht: Bis zum Ende des Konzils mussten alle drei amtierenden Päpste zurücktreten und für Kardinal Oddo Colonna Platz machen, der fortan als Papst Martin V. im Vatikan residierte. Ausserdem ermöglichten die Ereignisse von Konstanz den Eidgenossen die Eroberung des Aargaus und sind daher von erheblicher Bedeutung für die Schweizer Geschichte (siehe Box). Am bekanntesten sind sie aber wegen eines spektakulären Ketzerprozesses.

Ein Kirchenreformer aus Prag

Jan Hus, um 1370 geboren, war Theologe, Priester und Rektor der Universität Prag. Damit das einfache Volk seine Bibelauslegung verstehen konnte, predigte er nicht lateinisch, sondern tschechisch. Sein theologisches Vorbild war der englische Kirchenkritiker John Wyclif (1330-1384). In dessen Geist wetterte er gegen den weltlichen Herrschaftsanspruch der Kirche, das Papsttum, den Ablasshandel, die Heiligenverehrung und den Reichtum des Klerus. Hus schwebte eine machtlose, arme, dafür an geistlichen Gütern reiche Kirche vor.

Diese Lehren trugen ihm 1410 die Exkommunikation ein. Doch Hus schwieg nicht, sondern schmähte die Kurie als «Synagoge des Satans» und propagierte sogar ein Widerstandsrecht gegen unrechtmässig handelnde geistliche und weltliche Würdenträger.

Ankunft in Konstanz

Die Lage schien sich zu entspannen, als König Sigismund Hus einlud, seine Thesen in Konstanz zu verteidigen und ihm sicheres Geleit versprach. Obwohl ihn seine Freunde davor warnten, reiste er in die Stadt am Bodensee, wo er am 3. November 1414 eintraf.

Seine Gegner machten sogleich Stimmung gegen ihn: Ein Prediger von so grosser Bekanntheit, der offen zur Missachtung jeder kirchlichen Autorität aufrufe, sei eine grosse Gefahr für die um Einheit ringende Kirche. Am 28. November wurde er inhaftiert, zunächst im Dominikanerkloster, später in der Festung Gottlieben.

Der Prozess

Hus bekam nun mehrmals die Gelegenheit, sich vor dem Konzil zu rechtfertigen. Er versprach, sich demütig zu korrigieren, wo er sich geirrt habe, doch er verlangte den Nachweis seiner Irrtümer aus der Bibel. Dazu waren seine Ankläger nicht bereit, denn sie hielten die Glaubenslehren der Kirche für verbindlicher als die Aussagen der Heiligen Schrift.

Inzwischen war auch sein vermeintlicher Beschützer Sigismund umgekippt. Er erkannte, dass Hus‘ Lehren eine Gefahr für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung darstellten. Ausserdem wollte er es sich nicht mit den Konzilsfraktionen verderben, da er die Wahl zum römischen Kaiser anstrebte. Jan Hus war nun nicht mehr zu retten.

Das Ende

Am 6. Juli 1415 wurde Hus dem Konstanzer Henker übergeben. Er bekam eine Papiermütze auf den Kopf gesetzt, bemalt mit tanzenden Teufeln und den Worten «Dieser ist ein Ketzer». Anschliessend wurde er westlich der Stadtmauer verbrannt. Seine Asche wurde im nahen Rhein verstreut, da man jeglichen Reliquienkult verunmöglichen wollte.

Hus war zwar tot, doch seine Ideen lebten weiter. Gut 100 Jahre später argumentierten die Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin ähnlich wie er. Ab dem 19. Jahrhundert wurde er in Tschechien sogar zu einer Art Nationalheld, weil er im Namen der einfachen tschechischen Bevölkerung die deutschsprachige Oberschicht bekämpft hatte.

In Konstanz gibt es heute ein Hus-Haus, das an der Hussenstrasse 64 zu finden ist.