Vorsicht Multiresistenz

07. März 2012 14:58; Akt: 20.03.2012 14:56 Print

Deutlich mehr resistente Keime im Fleisch

von F. Voegeli - Der routinemässige Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren hat böse Folgen: Krankheitserreger werden immer stärker, Gegenmittel verlieren ihre Wirkung. Auch bei Menschen.

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2010 wurden in der Schweiz 66 Tonnen Antibiotika für Nutztiere verkauft. (Bild: Keystone)

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Das Antibiotikum Ampicillin wird eingesetzt, wenn herkömmliche Penicilline unwirksam sind, zum Beispiel bei bestimmten Infektionen der Harnwege. Es ist zwar schlechter verträglich als andere Breitbandpenicilline, kommt aber zum Beispiel zum Einsatz, wenn das erste Antibiotikum bei einer Blasenentzündung keine Wirkung mehr zeigt. Was, wenn Ampicillin nicht mehr wirkt?

Eine US-Studie, die in elf amerikanischen Bundesstaaten durchgeführt wurde, hat ergeben, dass die Ampicillin-Resistenz bei Bakterien in Pouletbrust und gehacktem Trutenfleisch anstieg: Bis zu 39 Prozent (Poulet) bzw. 48 Prozent (Truten) der Fleischproben aus dem Jahr 2010 trugen resistente Keime.

Resistenz auf Ampicillin nur eine von vielen

Bricht bei Mensch oder Tier nach einer Infektion mit den resistenten Keimen eine Krankheit aus, hat die Behandlung mit Ampicillin keine Wirkung. Solange es noch Ausweichsmedikamente gibt, lässt sich damit leben. Was aber, wenn die Bakterien auch dafür zu stark sind?

Die Studie der Food and Drug Administration (FDA) berichtet über hohe Anteile antibiotikaresistenter Keime im Fleisch von Geflügel, Rind und Schwein. Die Resistenz auf Ampicillin ist nur eine von vielen. In der Hälfte aller getesteten Schweinskoteletten wurden Salmonellenkeime gefunden, die gegen drei verschiedene antimikrobielle Wirkstoffe resistent sind, in 55 Prozent des Trutenfleischs fand man multiresistente E.-coli-Bakterien.

Kein Grund zur Panik

Nicht nur Amerika ringt mit der Multiresistenz. Anfang Januar wurden in Deutschland in elf von 20 Hühnerprodukten multiresistente Bakterien gefunden. Stichproben-Untersuchungen im Auftrag von «Stern» zeigten, dass jede vierte Schweinefleischprobe von multiresistenten E. coli durchzogen war.

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) hält man sich zurück: «Das Problem ist nicht neu», sagt Eva van Beek, BAG-Mediensprecherin. Es gebe jedoch grosse Unterschiede von Land zu Land und auch innerhalb eines Landes müsse die Epidemiologie nicht überall gleich sein. «Es kann durchaus auch Resistenzen geben, wo die Häufigkeit über die Jahre gleich geblieben oder sogar zurückgegangen ist», so van Beek.

Es gibt keinen Grund zur Panik: Vor den Keimen im Fleisch kann man sich einfach schützen, indem man einige Hygiene-Regeln befolgt.

Aber der Vormarsch der Multiresistenzen lässt sich nicht so einfach beheben. «Humanmediziner schlagen Alarm», heisst es beim SF in der Rundschau, die drei Teile zum Thema ausstrahlt. «Die Resistenzsituation wird massgeblich durch den Einsatz von Antibiotika beeinflusst», sagt Eva van Beek vom BAG. Und Antibiotika werden vor allem an zwei Orten eingesetzt: im Spital und im Stall.

Wichtigste Antibiotikaklasse betroffen

Zwar sei in der «Schweizer Nutztierpopulation die Resistenz-Situation bei den untersuchten Bakterien insgesamt stabil geblieben», heisst es beim Bundesamt für Veterinärwesen. Dafür aber habe die Resistenz gegenüber (Fluoro)-Quinolonen leicht zugenommen.

Diese machen im Verkauf nur einen kleinen Teil aus; 55 von den 66 Tonnen Antibiotika, die 2010 in der Schweiz verkauft wurden, sind Sulfonamide, Tetracycline und Penicilline. Die Fluoroquinolone dagegen würden nur in kleinen Mengen vertrieben. Bei Mastpoulets hingegen werde in 70 Prozent der Fälle auf den Wirkstoff zurückgegriffen. Die verstärkte Resistenz dieser Arzneimittelgruppe ist deshalb nicht unbedenklich, weil sie in der Veterinär- und Humanmedizin zu den wichtigsten Antibiotikaklassen gehören.

Verbesserung der Tierhaltung nötig

Ist der Zusammenhang der Antibiotika-Resistenz mit der Fleischproduktion in der Landwirtschaft einmal gemacht, liegt es nahe, den Einsatz von Antibiotika zu beschränken. In Deutschland gibt es Bemühungen, die Vorschriften entsprechend zu verschärfen. Auch das BAG ist sich der Situation bewusst und prüft, ob Handlungsbedarf besteht.

Die Sendung «Netz Natur» vom Oktober 2011 zeigt Alternativen zur massenhaften Verwendung von Antibiotika auf. Bleiben die Kälber bis zum Schlachttermin auf dem Hof, auf dem sie geboren sind, müssen wesentlich weniger Antibiotika eingesetzt werden, um sie vor den Einflüssen der neuen Umgebung zu schützen.

Auch der Konsumentenwunsch nach hellem Fleisch hat Konsequenzen. Die Produktion von sehr hellem Kalbfleisch bedingt nämlich eine einseitige Ernährung mit wenig Raufutter. Dadurch werden sie krankheitsanfälliger. Ausgewogeneres Futter würde zwar zu dunklerem Fleisch führen, allerdings wären bei den Tieren dann weniger Antibiotika notwendig. Die Alternativen bedeuten allerdings auch, dass das Fleisch für den Konsumenten teurer wird.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paul am 07.03.2012 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    Kompliziert oder Krank

    Ja dann hört doch endlich auf helles Kalbfleisch zu produzieren verdammt nochmal. Kundenwunsch hin oder her, es gibt dann einfach keins mehr. Ist das so kompliziert ?

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  • nuur am 07.03.2012 15:36 Report Diesen Beitrag melden

    wen wunderts?

    Alles muss billig sein, egal zu welchem Preis. Das sind nun die Folgen unserer Wirtschaft. DANKE!

    einklappen einklappen
  • Roland Steffen am 08.03.2012 06:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ursachen berichtigen

    Das sich bei Verwendung von Antibiotika resistenzen bilden ist hinreichend bekannt. Warum wird dann der Einsatz von Antibiotika erlaubt? Scheinbar sind es die Tierfabriken, die das Uebel sind und Antibiotikaeinsätze erfordern. Ursachen richtigstellen, nicht 'pflästerlen'!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Piero Gombra am 09.03.2012 21:19 Report Diesen Beitrag melden

    Vermutlich schon zu spät...

    Ich (männlich )hatte eine schwere Blasenentzündung mit einer massiven Urosepsis ("Blutvergiftung": 50% der Patienten sterben daran.) Bei der Behandlung stellte sich heraus, dass nur noch ein Antibiotikum gegen den hochresistenten E.Coli Erreger wirksam war. Das nächste Mal könnte auch dieses unwirksam sein.... Meine Reaktion: sofortiger Verzicht auf alles, was mit AB behandelt ist (Fleisch, Fisch, etc.), soweit bekannt. Meiner Ansicht nach sollte der Einsatz von AB in der Land-wirtschaft und Fischzucht sofort -2012- und vollumfänglich verboten werden.

  • laie am 08.03.2012 19:57 Report Diesen Beitrag melden

    Ich wette...

    Antibiotikaresistente Viren, entstehen durch Füttern der Tiere mit Antibiotika.

    • Der Serbe am 22.03.2012 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Viren und bakterien

      Du meinst wohl eher antibiotika resistente bakterien. Bakterien und viren sind nicht das gleiche mein freund

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  • Antonietta/Tumminello am 08.03.2012 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Grösser - schneller - billiger

    Auf der Strecke bleiben nicht nur das Wohl der Tiere und ihre artgemässe Haltung, sondern auch Qualität, Geschmack und die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Produkte. Mediziner warnen seit Jahren die Verbraucher vor Medikamentenanreicherungen in Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Es gilt als gesichert, dass Antibiotikaanreicherungen im Fleisch, speziell im Schweinefleisch, die Hauptursache für die hochbrisante Antibiotikaresistenz beim Menschen sind. Immer mehr Menschen sprechen selbst auf hohe Antibiotikadosen nicht mehr an.

  • F. Hälg am 08.03.2012 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Verzicht!

    Am besten kein Fleisch essen! Ich ernähre mich seit Jahren vegetarisch und bin fit...

    • Biognom am 10.03.2012 00:00 Report Diesen Beitrag melden

      ...aus der Traum...

      ...und dann kam EHEC....

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  • maja naef am 08.03.2012 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    kein Kalbfleisch mehr

    Das der Konsument helles Kalbfleisch verlangt halte ich für ein Märchen. Fleisch von falsch ernährten Kälber kann nicht gesund sein. Warum soll das Fleisch teurer werden? Antibiotika sind nicht gratis. Und überhaupt man ist keine junge Tiere.