Leichtathletik

04. August 2017 17:55; Akt: 04.08.2017 18:05 Print

«Sie haben aus mir eine Sportsklavin gemacht»

Die Leichtathletik steckt nicht nur im Dopingsumpf. Offenbar kommt es auch zu Menschenhandel. Eine Betroffene erzählt.

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Eine ARD-Recherche, die gestern unter dem Titel «Wie Afrikas Sporthelden verkauft werden» ausgestrahlt wurde, enthüllt Erschreckendes. Afrikas Laufspezialisten, die seit Jahrzehnten ihre Disziplin beherrschen und keine Gegner fürchten, werden offenbar massiv über den Tisch gezogen.

Insbesondere jene, die aufgrund falscher Versprechungen ihre Nationalität wechseln. Viele würden inzwischen beispielsweise für die Türkei oder Aserbeidschan starten. Aber auch Bahrain und Katar werden aufgezählt.

Richtiger Name unbekannt

Als Beispiel nennt ARD das Schicksal der Äthiopierin Layesh Tsige, die mit ihrer neuen Identität als Aserbaidschanerin Layes Abdullayeva zahlreiche Pokale und Medaillen gewann. Ihre grössten Siege heimste sie ein, nachdem sie ihre Nationalität gewechselt hatte, weshalb sich kaum jemand an ihren richtigen Namen erinnert.

Die Versprechen, die der Vertrag mit dem Verband ihrer neuen Heimat mit sich brachte, waren gross. «Wenn wir international, bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften erfolgreich wären, dann würde uns die Regierung ein Haus oder ein teures Auto schenken», sagt Layesh Tsige zur ARD.

Leere Versprechungen

Doch die Versprechungen fielen allesamt ins Bodenlose. Es gab kein Auto, kein Haus, keine versprochenen Gehälter. Sogar Siegesprämien sollen der Athletin verweigert worden sein. «Ich fühlte mich ausgenutzt, sie haben aus mir eine Sportsklavin gemacht», so Layesh Tsige zur ARD.

Nachdem sie sechs Medaillen für Aserbeidschan bei den Welt- und Europameisterschaften gewonnen hatte, beschloss die Athletin, wieder die äthiopische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Auf Anfrage der ARD wies der Leichtathletik-Verband die Vorwürfe, die Sportlerin sei ausgenutzt worden, zurück.

Insgesamt sind es fast 500 Nationalitätenwechsel in zwei Jahrzehnten, die beim Leichtathletik-Weltverband IAAF in seiner Statistik aufgeführt sind. Vor allem Läufer aus den armen Ländern Afrikas gaben ihre Staatsbürgerschaft für eine neue Identität ab.

Drei Jahre Startverbot

Eigentlich sind die Sportler nach einem Nationalitätenwechsel für drei Jahre gesperrt, ausser man erzielt eine Einigung zwischen beiden Verbänden. Damit ein Athlet früher starten kann, sei schon oft Geld im Spiel gewesen, heisst es im Bericht weiter.

Der ARD liegen belastende E-Mails eines türkischen Sportmanagers vor, in denen vierstellige Summen und ein «Extra-Bonus» bei Unterstützung und Bewilligung des Wechsels einer Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt wurden. Auf Nachfrage des TV-Senders wollte sich der Manager nicht dazu äussern.

Neue Regeln

Um der Entwicklung entgegenzuwirken, würden alle Neuanträge erst einmal auf Eis gelegt, sagt Sebastian Coe, Präsident des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), zur ARD. Er stellt neue Regeln in Aussicht.

«Wir sind kein Sport, der sich Menschenhandel oder ein Laissez-faire-System erlauben kann», sagt er. «Als gefühlt 25 Anfragen pro Tag reinkamen, war mir klar, die IAAF muss sich mit dem Problem befassen.»

(kaf)