Kajsa Kling

07. November 2017 20:15; Akt: 08.11.2017 08:08 Print

«Das schwerste Kapitel meines Lebens»

Die schwedische Skifahrerin Kajsa Kling leidet unter Depressionen und nimmt ein Timeout. Gerade Sportler sind häufig von der Krankheit betroffen.

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Ein Bild aus besseren Zeiten: Kajsa Kling feiert im Dezember 2013 ihren 2. Platz beim Super-G in St. Moritz. (Bild: Keystone/AP/Armando Trovati)

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Es ist eine Nachricht, die für Aufregung sorgt in der Skiszene: Die schwedische Abfahrtsspezialistin Kajsa Kling zieht sich unmittelbar vor dem Saisonstart zurück und muss eine Zwangspause einlegen. Grund: Die 28-Jährige leidet an Depressionen und sieht sich ausser Stande, die Reise zu den Nordamerika-Rennen Ende Monat anzutreten. Wann Kling in den Weltcup zurückkehrt, ist derzeit völlig offen.

«Mir geht es gar nicht gut, und deshalb muss ich jetzt den Stecker ziehen und jeden weiteren Stress vermeiden», sagt sie. Der schwedische Team-Arzt Per Liljeholm erklärt: «Eine Depression nimmt dir unter anderem die Fähigkeit, dich zu konzentrieren. Natürlich verträgt sich das nicht mit Hochgeschwindigkeits-Skifahren.»

Agassi, Hannawald, Kaeslin

In ihrer Karriere ist Kling zweimal aufs Podest eines Weltcuprennens gefahren, je einmal in der Abfahrt und im Super-G. Nun steht sie am Scheideweg. «Es ist nicht so, dass ich mich jeden einzelnen Tag schlecht fühlen würde», schildert sie. «Aber es ist die schwerste Stunde meines Lebens, und ich muss auf die wichtigen Dinge fokussieren. Wir werden sehen, wie lange das dauert. Bevor ich nicht ganz gesund bin, kehre ich nicht auf die Ski zurück.»

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Kajsa Kling nach ihrem zweiten Platz beim Weltcuprennen von St. Moritz im Jahr 2013. Bild: Keystone

Andre Agassi oder Michael Phelps, Sven Hannawald oder Robert Enke. Und auch die frühere Schweizer Spitzenturnerin Ariella Kaeslin – Depressionen sind bei Spitzensportlern häufiger verbreitet als vermutet und quälen sie in ganz verschiedenen Facetten. Jeder dritte Athlet weise im Laufe seines Lebens Symptome einer Schwermut auf, ergab eine Studie aus dem Jahr 2013. «Bei Hochleistungssportlern existieren andere Risikofaktoren für psychische Erkrankungen als in der Allgemeinbevölkerung. Sie sind anderen Belastungen ausgesetzt», sagt der Psychiater Andreas Ströhle gegenüber «Spiegel Online».

Wie ein hochrangiger Manager

Abgesehen vom Druck, in der Öffentlichkeit Höchstleistungen abliefern zu müssen, gehen Psychologen davon aus, dass Sportler verstärkt darunter leiden, nicht selbst bestimmen zu können. «Der Sportleralltag ist wie das Berufsleben eines hochrangigen Managers», erklärt Psychologin Marion Sulprizio, die an der Sporthochschule Köln lehrt und Sportler coacht. «Der Drang zu Perfektionismus ist beiden Spezies eigen. Und perfekt zu sein, heisst auch: Über eine Depression nicht zu sprechen.»

Über seine Krankheit sagte Andre Agassi einmal dem ZDF: «Das Leben, das ich damals führte, hatte ich gar nicht selbst gewählt. Ich war deprimiert. Ich hatte wirkliche Depressionen. Nur sprach man nicht darüber.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Michi am 07.11.2017 22:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso Manager?

    Der Sportleralltag ist wie das Berufsleben eines hochrangigen Managers», erklärt Psychologin Marion  Sehr dumme und falsche Bemerkung. Auch ein ganz normaler Arbeiter steht unter hohem Druck und dazu häufig noch finanzielle Probleme.

  • M.P.HERMANN. am 07.11.2017 21:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    DEPRESSIONEN UND SCHWERMÜTIGKEIT.

    gerade spitzensportler haben einen enormen leistungsdruck und wenn jemand dann ohnehin ein wenig veranlagt ist, eine depression zu bekommen, braucht es nicht mehr viel, um "richtig" depressiv/schwermütig zu werden. bei depressiven ist möglicherweise der hirnstoffwechsel gestört und das hormon serotonin zu wenig vorhanden. chemie ist nicht unbedingt die lösung, eine johanniskraut-kur könnte man in erwägung ziehen. psychische erkrankungen werden zu wenig ernst genommen und gewisse personen als simulant abgestempelt. viele depressive schämen sich wegen ihrer 'krankheit' und kehren ihr problem unter den teppich. dass in der schweiz die selbstmordrate sehr hoch ist, ist schockierend. auch eine übersäuerung im körper kann depressiv machen...

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  • Boriz am 08.11.2017 01:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Gute Kajsa!

    Und danke, dass Du offen damit umgehst. Ich weiss leider ziemlich gut, wie es Dir geht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marko am 08.11.2017 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ach, ja ... und

    ... meine Nachbarin (ohne Beine; nur ein Arm) ist so herzlich - jeden Tag und so erfrischend. Ehemann hat sich umgebracht (Alkoholiker; Trinker). Nix gegen Depression, aber alles überall verbreiten - bloss nur peinlich. Ach, ja, weiss jemand, wieviele Menschen täglich nix zu Essen haben, kein Bett, kein Geld.

  • notes713 am 08.11.2017 08:45 Report Diesen Beitrag melden

    Bleib gesund oder mach Sport

    Und da dachte ich immer Sport sei gut für Körper und Psyche!?

  • W.T. am 08.11.2017 06:37 Report Diesen Beitrag melden

    Depressionen wirklich schlimm

    Aber warum ausgerechnet Sportler? Was würden die machen, wenn sie im wirklichen harten Arbeitsleben stehen würden? Ja, sie müssen trainieren. Aber wissen sie, was wirklich harte "Sklaven"arbeit im heutigen Sinne ist? Immer mit dem Druck, sofort ersetzt zu werden durch kapitalistische Nimmersatts?

  • Boriz am 08.11.2017 01:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Gute Kajsa!

    Und danke, dass Du offen damit umgehst. Ich weiss leider ziemlich gut, wie es Dir geht.

  • DBosk am 07.11.2017 22:42 Report Diesen Beitrag melden

    Student

    Evtl. nicht mit solchen Topleistungen zu vergleichen, aber hatte gerade auch im Studium mit Depressionen zu kämpfen weil ich manche Prüfungen für nicht machbar hielt, obwohl ich wie im Berserker darauf lernte. Die Angst vor dem Scheitern und dem Rauswurf hielt sich über Jahre und ich habe es kaum ausgehalten. Fühlt sich an wie wenn die Seele Glassscherben zerkauen muss... bei Spitzensportlern ist es nochmals eine ganz andere Dimension, deshalb wünsche ich den Betroffenen aus tiefstem Herzen alle Kraft die sie brauchen.. so einen traurigen Fall wie bei Robert Enke braucht niemand mehr.