WM-Barrage

08. November 2017 16:31; Akt: 08.11.2017 16:34 Print

Das Duell der Gegensätze

Die Schweiz und Nordirland könnten nicht unterschiedlicher sein. Während unsere Nationalspieler im Club um Titel spielen, trainieren die Nordiren nicht einmal täglich.

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Für Vladimir Petkovic ist klar, dass er eine Entscheidung, wie den Penaltypfiff für die Nati in Belfast, akzeptieren würde. Gemeinsam mit dem Nati-Trainer stellten sich Stephan Lichtsteiner (M.) und Granit Xhaka den Fragen der Presse. Fabian Frei hat die Nati wegen eines Todesfalls in der Familie verlassen. Der Rückflug der Nati am Freitagabend aus Nordirland verzögerte sich um mehr als eine Stunde. Dies weil eine Flybe-Mschine in Belfast notlanden musste. Am Schluss landete dann die ganze Truppe gesund wenn auch etwas müde und spät auf heimischem Boden. Die Schweiz ist der WM in Russland einen grossen Schritt nähergerückt. Das Barrage-Hinspiel entschied sie dank einem verwandelten Penalty von Ricardo Rodriguez (r.) in Belfast für sich. Granit Xhaka (Nr. 10) und Denis Zakaria jubeln mit und führten im Mittelfeld eine feine Klinge. Die Szene, die zum Strafstoss führte, war allerdings sehr umstritten und wohl eher nicht elfmeterwürdig. Doch das war der Nati sowie den Fans letztendlich egal. Die Weichen fürs Rückspiel am Sonntag sind gestellt. Xherdan Shaqiri wirkt an der Pressekonferenz etwas skeptisch. Hauptsache, im Spiel am Donnerstagabend weiss er genau, was zu tun ist. Petkovic strahlt viel Ruhe aus. Und Behrami zieht sich bei ungemütlichen Temperaturen warm an. An einer Pressekonferenz in Belfast gibt der SFV kurze Zeit zuvor bekannt, dass Valon Behrami, der selber nicht an der PK teilnimmt, bei der Nati bleibt und nicht zu seinem Verein Udinese zurückkehren wird. Wenig später trainiert der Udinese-Söldner bereits wieder mit den Kollegen und ist bester Laune. Auch die anderen Nati-Spieler zeigen vollen Einsatz. Der angeschlagene Valon Behrami soll zu spät zur Nati eingerückt sein. Sein Verein Udinese verlangt nun die sofortige Freigabe seines Spielers und droht dem Schweizerischen Fussballverband SFV mit rechtlichen Konsequenzen, falls Behrami nicht zurückkehrt oder gegen Nordirland sogar eingesetzt wird. Die Nati landete am Dienstagabend in Belfast. Ein Autogrammjäger will ein Selfie mit Ricardo Rodriguez. Auf gehts nach Nordirland. Vladimir Petkovic (r.) und sein Assistent Antonio Manicone am Flughafen Basel. Steven Zuber, Remo Freuler und Haris Seferovic (v. l.) checken vor dem Abflug ihre Handys. Valon Behrami macht es sich im Flieger bequem. Zuvor gaben Behrami (M.), Seferovic (l.) und Fabian Schär den Medien Auskunft. Vladimir Petkovic, Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, zeigt sich an der Pressekonferenz entspannt. Petkovic begrüsst einige Journalisten persönlich. Druck vor dem wichtigen Spiel in Nordirland am Donnerstag scheint der 54-Jährige keinen zu verspüren. Xherdan Shaqiri (r.) und Admir Mehmedi treffen im Hotel Marriott Courtyard in Pratteln BL ein. Breel Embolo kommt mit dem Teambus. Ebenso Yann Sommer (vorne) und Nico Elvedi (links hinten). Granit Xhaka mit pfiffiger Frisur. Valon Behrami weiss noch nicht, ob er wegen seiner Oberschenkelprobleme spielen kann. Captain Stephan Lichtsteiner. Denis Zakaria sieht beinahe wie ein Tourist aus. Steven Zuber (vorne) und Remo Freuler.

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Es sind zwei verschiedene Welten, die am Donnerstagabend im Windsor Park aufeinandertreffen. Geht es nach diversen Fakten, ist Nordirland gegen die Schweiz im WM-Playoff klarer Aussenseiter.

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Ihre Arbeitgeber tragen Namen wie Scunthorpe, Millwall, Charlton Athletic oder Gwangju. Sie spielen in der dritt- oder zweithöchsten Liga Englands, in Südkorea oder in Schottland. Von einer Teilnahme an der Champions League sind sie, vielleicht mit Ausnahme von Lee Hodson von den Glasgow Rangers, ungefähr gleich weit entfernt wie Belfast geografisch von Zürich (gut 1300 km Luftlinie).

Als Team eine Einheit

Als Einheit aber, im grün-weissen Dress, wollen sie zum zweiten Mal in Folge an ein grosses Turnier. Ihre grössten Stärken heissen physische Robustheit, Ehrgeiz und Kondition. Getragen werden die nordirischen Spieler, wenn sie im Nationaltrikot auflaufen, von der ebenso unüberhörbaren wie passionierten «Green and White Army».

Der Schweizer Captain Stephan Lichtsteiner, ein sprichwörtlicher «Dauerbrenner» in der Champions League, verdient sein Geld bei Juventus Turin. Andere Clubs mit Schweizer Internationalen wie Milan, Arsenal, Borussia Dortmund oder Mönchengladbach spielen um nationale oder im Optimalfall um internationale Titel mit. Das Schweizer Reservoir mit Spielern auf hohem Niveau ist definitiv besser gefüllt als jenes der Nordiren. «Wir haben beschränkte Ressourcen. In Nordirland leben knapp 1,8 Millionen Menschen», sagt Nationaltrainer Martin O'Neill dazu.

Kein tägliches Training

Die Krux mit den eingeschränkten Mitteln gilt nicht zuletzt für die heimische Spitzenliga. In Nordirland spielen die Top-12-Teams eine Meisterschaft unter halbprofessionellen Verhältnissen aus. Trainiert wird nicht täglich, zu verdienen gibt es ein paar Hundert Pfund pro Monat. «Das Geld fehlt, das Interesse ist nicht da. Investoren sind keine in Sicht. Die Spieler müssen alle normal arbeiten», so O'Neill. Deshalb erstaunt es nicht, dass Granit Xhakas Marktwert gemäss Transfermarkt.ch siebenmal höher ist als jener aller Spieler der nordirischen Premiership zusammen.

Dass das öffentliche Interesse an der eigenen Liga nur in Ausnahmesituationen vorhanden ist, verrät ein Blick auf die Statistik. In der letzten Saison lag der Zuschauerschnitt bei 1074 Fans pro Spiel; führend ist Meister Linfield mit 2538. Einmal durfte der Rekordchampion 7504 Besucher im Windsor Park begrüssen, wo auch das Nationalteam seine Heimspiele austrägt. Zum Vergleich: Die Schweizer Challenge League weist in dieser Saison selbst ohne den in die Super League zurückgekehrten FC Zürich einen Schnitt von 1946 Zuschauern auf.

«Unsere Liga hat kein internationales Format. Wir sind im Ranking der Uefa an 49. Stelle klassiert. Selbst die finnische Meisterschaft ist besser», erzählte O'Neill im Interview mit der Nachrichtenagentur SDA. «Das ist für mich eine ziemlich frustrierende Situation. Ich würde gern mehr Junge spielen sehen. Aber die verlassen mit 16 das Land. Ohne starke Basis ein Nationalteam zu betreiben, ist ein schwieriges Unterfangen.»

Sechs Ausländer

Einen Weg in die richtige Richtung wüsste O'Neill. «Frisches Blut würde guttun, nur zwölf Prozent sind unter 21-jährig.» Und rechnet man Spieler aus Schottland, England oder Irland nicht ein, verdingen sich genau sechs ausländische Akteure in Nordirlands Liga: zwei Franzosen sowie je ein Bulgare, ein Deutscher, ein Däne und ein Spanier.

Aus dem Nationalteam ist einzig Roy Carroll im eigenen Land engagiert. Der 40-jährige Goalie, zu seinen besten Zeiten Mitte des letzten Jahrzehnts Stammkeeper von Manchester United, spielt für Linfield unter seinem langjährigen Teamkollegen David Healy, dem Rekord-Internationalen. Immerhin dort ist Carroll die Nummer 1. Sein Konkurrent Michael McGovern, an der EM 2016 und in der WM-Qualifikation für Nordirland unbestritten, wärmt bei seinem Club Norwich in Englands Championship primär die Bank.

(sda)