Aargau

04. November 2017 11:32; Akt: 04.11.2017 15:00 Print

Zu oft auf Social Media – Frau wird IV-Rente halbiert

Ihr politisches Engagement auf Facebook und Twitter wird einer ehemaligen Prostituierten und Aidshilfe-Beraterin zum Verhängnis.

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Laut IV könne sie im Dienstleistungssektor eine leichte körperliche Tätigkeit ausüben: Brigitte Obrist. (Bild: Facebook)

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Brigitte Obrist aus Auenstein AG leidet seit mehr als 20 Jahren an heftigen Cluster-Kopfweh-Attacken und ist deshalb nicht mehr arbeitsfähig. Seit 17 Jahren bezieht sie IV-Rente. Obrist ist über die Kantonsgrenze hinaus bekannt: Sie war einst als Prostituierte und Bordellbetreiberin tätig und leitete später bei der Aids-Hilfe Projekte.

Bis heute setzt sich die 55-Jährige für die Rechte und die Würde von Sexarbeiterinnen ein. Die «NZZ» beschrieb 2016 Obrist als eine wichtige Stimme im schweizerischen NGO-Netzwerk Prokore, sie schreibe Artikel, berate Politikerinnen, nehme an Podiumsgesprächen, Fernseh- und Radiosendungen teil. Auch sonst nimmt Obrist kein Blatt vor den Mund: Vor zwei Jahren hat sie gegen ein Anti-Muslim-Inserat der SVP Strafanzeige eingereicht. Aber auch auf Twitter und Facebook ist die Aargauerin überaus aktiv – sehr zum Ärger einiger Leute.

«Wer soviel lesen und schreiben kann...»

Denn wie «Watson.ch» heute berichtet, seien über die Jahre mehrere Meldungen bei der Aargauer IV-Stelle eingegangen, die darauf hinwiesen, dass Obrist durchaus arbeitsfähig sei: Wer soviel lesen und schreiben könne, der könne auch für einen Teil seines Auskommens selber sorgen, heisst es beispielsweise in einem Schreiben, das ein Mann, «der hier Steuern zahlt», den Behörden 2015 anonym zukommen liess.

Vor zwei Jahren forderte die IV ein neues Gutachten und bot Obrist auf, sich erneut abklären zu lassen. Obrist verlangte Akteneinsicht und erfuhr zum ersten Mal von den Berichten der anonymen Melder. So nahm die Aargauer IV-Stelle 2012 einen Anruf einer Frau entgegen, die sich darüber geärgert hat, dass Obrist mit ihren vermeintlichen Kopfschmerzen so aktiv vor dem PC sitzen und surfen könne.

In einer weiteren Meldung machte sich jemand die Mühe, die Anzahl abgesetzter Tweets, Einträge auf Facebook und ein Auftritt im Schweizer Fernsehen von Obrist als Expertin für Sexarbeit aufzulisten. Die Anzahl Tweets erstaunt in der Tat: 62'000 sollen es seit dem Twitter-Beitritt der Aargauerin sein.

Gutachten attestiert Verbesserung des Gesundheitszustandes

Nach einer stationären Begutachtung erhält Obrist am letzten Montag eine Verfügung der IV: Ihre Rente wird um die Hälfte auf 354 Franken pro Monat gekürzt.

Schlimmer als die Verfügung sei für Obrist der Inhalt des neuen Gutachtens, schreibt «Watson». Die Behauptungen der anonymen Melder seien darin wie medizinische Berichte behandelt worden. Teilweise seien Passagen fast wörtlich dem Schreiben dieser Beanstander entnommen worden.

Grundlegend wird im Gutachten von einer Verbesserung des Gesundheitszustandes ausgegangen. Obrist könne im Dienstleistungssektor eine leichte körperliche Tätigkeit ausüben. «Meine Aktivitäten auf den sozialen Medien, der Umstand, dass ich trotz körperlicher Krankheit noch denken und schreiben kann, wird mir als Ressource ausgelegt», sagt sie. Obrist will gegen die Verfügung Beschwerde einreichen.

(nag)