Unwetter in Scuol

31. Juli 2017 20:25; Akt: 01.08.2017 09:01 Print

«Als wir umdrehten, ging die Lawine nieder»

Gerölllawinen schlossen am Wochenende im Unterengadin 15 Autofahrer ein. Ein Leser erzählt von der spektakulären Rettung – und kritisiert die Behörden.

Nach Stunden des Ausharrens wurden die eingeschlossenen Menschen von der Rega evakuiert. «Die Rega hat einen super Job gemacht», sagt ein 20-Minuten-Leser.
Zum Thema
Fehler gesehen?

Am Samstagabend zogen heftige Gewitter über den Kanton Graubünden. Im Val S-charl bei Scuol im Unterengadin gingen mehrere Gerölllawinen nieder und schlossen insgesamt 15 Menschen ein. Darunter war auch 20-Minuten-Leser Beat Jucker. Er war mit seiner Frau im Auto unterwegs ins Tal, wo sie essen gehen wollten. «Auf dem Regenradar sah es so aus, als ob das Gröbste vorbei sei», sagt er im Nachhinein.

Unterwegs seien sie noch von einer fünköpfigen Familie in einem Van überholt worden. Auf einmal habe er einen lauten Knall gehört. Ein etwa zehn Zentimeter grosser Stein war auf sein Auto gefallen. Jucker gab Gas. Dann kam ihm der Van mit der Familie wieder entgegen. Eine Rüfe war nur Minuten zuvor niedergegangen und versperrte vorn den Weg. Jucker drehte um – und sah eine weitere Lawine, die auf der anderen Seite der Strasse niederging. Die Autofahrer waren nun eingeschlossen.

«Wir beruhigten die Kinder»

Die Familie mit dem Van und das Ehepaar Jucker taten sich zusammen und suchten sich einen einigermassen sicheren Ort. Sie alarmierten die Polizei. Die habe geraten, an Ort und Stelle zu bleiben. «Wir redeten mit der Familie und versuchten, die Kinder zu beruhigen», sagt Jucker. Zwei Stunden lang passierte nichts.

15 Menschen in Tal eingesperrt

Um 22.30 Uhr erblickten sie die Lichter eines Helikopters der Rega. Doch das Wetter war zu schlecht, somit konnte der Helikopter nicht landen und kehrte um. Eine weitere Stunde lang waren die Eingeschlossenen wieder auf sich selbst gestellt. Gegen 23.30 Uhr gelang es der Rega-Besetzung, wieder ins Tal zu fliegen und mit der Seilwinde zwei Kinder zu evakuieren. Auch Beat Jucker wurde auf diese Art und Weise gerettet – um 1.45 Uhr morgens. Insgesamt 13 Menschen flog die Rega in dieser Nacht aus dem Tal.

«Strasse sollte geschlossen werden»

«Die Rega hat einen super Job gemacht», sagt Jucker. Die Besatzung habe es geschafft, sie bei schwierigsten Bedingungen zu retten. Den Gemeindebehörden stellt Jucker hingegen ein schlechteres Zeugnis aus. Bereits vor zwei Jahren habe es ähnliche Niedergänge gegeben. Auch damals wurden die Einwohner des Tals ausgeflogen. «Bei solchen Extremwetterlagen sollte die Strasse für die Gewitterzeit geschlossen werden», sagt Jucker. So können Unfälle verhindert werden.

Der Gemeindepräsident von Scuol, Christian Fanzun, sagt, das Ereignis habe nicht vorausgesehen werden können. Es sei eine Unwetterwarnung der Stufe 3 eingegangen. Das ist nicht die höchste Warnstufe. «Solche Warnungen gibt es oft», sagt Fanzun. Man könne dann nicht jedes Mal Strassen sperren. Die Gemeinde habe an diesem Abend den verantwortlichen Pikett-Mann losgeschickt, um die Strasse zu überprüfen.

Ein solches Ereignis alle 40 Jahre

Auch er wurde von den Niedergängen überrascht und eingeschlossen. Er wurde später ebenfalls evakuiert. Insgesamt seien auf der Strasse 7 bis 10 Rüfen niedergegangen, sagt Fanzun. Ein Ereignis dieser Grössenordnung gebe es etwa alle 40 Jahre, sagt Fanzun.

Die Kantonspolizei Graubünden teilte mit, von den 15 eingeschlossenen Personen hätten in dieser Nacht 13 an einem Seil hängend aus dem Tal geflogen werden können. Zwei weitere Personen mussten die Nacht in ihrem Auto in einer Galerie verbringen. Alle Evakuierten wurden zur Überprüfung ins Spital Scuol geflogen. Ernsthaft verletzt wurde niemand. 50 weitere Personen, die im Tal wohnen, wurden am Sonntag ebenfalls mit dem Helikopter ausgeflogen.


Die Strasse nach S-Charl aus der Luft. Video: Leser-Reporter

(ehs)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tinu Fuhrer am 31.07.2017 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interpretation Regenradar

    Komisch, das man die Behörden kritisiert und selber doch hinfährt, wo man doch scheinbar weiss was zu tun wäre.!?!

    einklappen einklappen
  • C.M. am 31.07.2017 20:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist Natur

    Immer die Schuld auf jemanden zu schieben ist billig. Die Natur ist stärker als der Mensch und unberechenbar.

  • Gerry am 31.07.2017 20:34 Report Diesen Beitrag melden

    Video!

    Wieder einmal ein super aussagekräftiges Video. Kompliment! ... und wenn die Strasse dann geschlossen wird, wird die Gemeindebehörde genau gleich kritisiert ... immer dasselbe.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Geolog am 01.08.2017 23:40 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Redaktor

    Lawinen gibt es im Winter oder in grosser Höhe, bestehen aus Schnee und Eis. Erdrutsche sind Rüfen aber keine Lawinen.

  • Heinz am 01.08.2017 21:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    S-charl

    Bevor Herr Jucker der Gemeinde vorschlägt eine Bergstrasse vorsorglich zu schliessen, sollte er sich überlegen, bei welchen Wetterlagen er in den Bergen zum Essen ausfährt und wohin.

  • alice.gurini am 01.08.2017 14:23 Report Diesen Beitrag melden

    drüberfahren

    es sieht eigentlich so aus wie in den Autowerbung ?da kann man wenn alles sich beruhigt hat drüberfahren?oder?eine Berglerin

  • Nuot am 01.08.2017 13:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rücksichtslos

    Heisser Titel: "Als wir umdrehten..." Nächstesmal bitte nicht umdrehen, dann gibts keine Lawine.

  • Thomas am 01.08.2017 12:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weshalb mit der REGA ausfliegen

    Die Häusergruppe von Scarl ist seit Jahrhunderten auch bei groben Unwettern ein sicherer Ort. Weshalb in Panik verfallen und die REGA bemühen - die sich gar nicht so selbstlos, wie viele meinen, über jede Flugminute freut - anstatt 2-3 Tage abwarten, bis die Strasse freigeschaufelt ist?