Märchen

13. März 2018 17:59; Akt: 13.03.2018 17:59 Print

«Hirsche locken Menschen in gefährlichen Hinterhalt»

Die Gebrüder Grimm machten aus dem Horror ein Geschäft. Wie und warum in ihren Märchen oft Tiere verteufelt werden, erfährt man derzeit im Naturmuseum Thurgau.

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Tiere haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. In Märchen weisen sie oft menschliche Eigenschaften auf, auch bei den Gebrüdern Grimm. Das Märchen vom Schneewittchen ist weltberühmt. Oder Dornröschen: Hier mit die Spatzen und Uhu, sowie Eichhörnchen. In Grimms Märchen gilt der Fuchs als schlau und hinterlistig... Und der Bär als tollpatschig und gutmütig. Der Wolf... ...hingegen ist durchwegs böse. Etwa in einem der berühmtesten Märchen... ..Rotkäppchen (der hier abgebildete Film die Rotkäppchen-Verschwörung spielt ebenfalls mit Klischees). Dabei ist der Bär viel gefährlicher für Menschen als der Wolf, sagt Hannes Geisser, Direktor des Naturmuseums Thurgau. Woher kommen all diese Klischees? Federführend waren wohl die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm. Ihre gesammelten Märchen aus der mündlichen Überlieferung prägten das westliche Bild der Tierwelt nachhaltig. Einige Eigenschaften der Tiere sind heute aber eher unbekannt. So galten Hirsche zwar als erhaben, aber in Grimm-Märchen lockten die Tiere Menschen in gefährliche Hinterhalte. So passiert es einem Jäger im Märchen «Die zwei Brüder»: Eine Hirschkuh führt ihn zu einer bösen Hexe, die ihn versteinert. Mäuse galten dagegen als gut und hilfsbereit. Die Wissenschaft kann dies heute sogar untermauern, so Geisser. Viele weitere interessante Tierbilder in Grimms Märchen finden die Besucher der Sonderausstellung «Grimms Tierwelten» im Naturmuseum Thurgau. Führungen mit wissenschaftlichem Hintergrund zu Märchen und Tierwelt gibt es wieder ab Juli. Für Kinder finden ab dem 25. März Theateraufführungen, Märchenstunden und geführte Rundgänge statt. Mehr zu Daten, Orten und Programm gibt es Eine unzensierte Lesung einiger Urfassungen der Grimm-Märchen findet übrigens am 10. April statt. Der Museumsdirektor gibt aber zu bedenken: «Die Urfassungen der Gebrüder Grimm sind sehr brutal und nicht ganz jugendfrei, also ungeeignet für Kinder.» Erst im Laufe der Zeit wurden die Märchen «weichgespült», wie Geisser sagt. «Dies vermutlich um die Verkaufszahlen zu steigern», mutmasst Geisser. Weltberühmt wurden die Märchen wohl deshalb, weil sie dank der Tierbilder eine einfache moralische Botschaft transportierten. Ein anderer Irrglaube betrifft die Märchenbrüder selbst. Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) waren nicht etwa zwei alte Herren, die Geschichten für Kinder ersannen. «Sie haben nur mündlich überlieferte Volkserzählungen gesammelt, gedruckt und verkauft. Das war ihr Geschäftsmodell», sagt Geisser. Als ihre ersten Märchenbände erschienen, waren die Grimms gerade mal Anfang zwanzig. «Das Ganze war sozusagen ein Märli-Startup.» Die Märchen hatten so starken Einfluss, dass man auch heute noch von der «grauen Maus» und dem «schlauen Fuchs» spricht. Dass dahinter oft nur Irrglaube steckt, zeigt die aktuelle Ausstellung «Grimms Tierleben».

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Der Spatz ist clever, der Wolf böse und der Hase ein überheblicher Versager: «In den Märchen der Gebrüder Grimm werden Tieren menschliche Eigenschaften zugeschrieben», sagt Hannes Geisser, Direktor des Naturmuseums Thurgau. Die Märchen sind so einflussreich, dass man auch heute noch von der «grauen Maus» und dem «schlauen Fuchs» spricht. Dass dahinter oft nur Irrglaube steckt, zeigt die aktuelle Ausstellung «Grimms Tierleben».

«Während der Wolf bei Grimms als tierischer Schwerverbrecher gilt, wird der Bär als gutmütig und tollpatschig beschrieben», erklärt Geisser. «Dabei kann der Bär uns Menschen viel gefährlicher werden. Es gibt jährlich mehrere tödliche Zwischenfälle mit diesem Tier. Vom Wolf ist nichts bekannt», so der ausgebildete Biologe. Die Ausstellung hält Überraschungen bereit: «Wussten Sie, dass der Hirsch bei Grimms mal als majestätisch und gut erscheint, im nächsten Märchen aber Menschen in gefährliche Hinterhalte lockt?» So passiert es einem Jäger im Märchen «Die zwei Brüder»: Eine Hirschkuh lockt ihn zu einer bösen Hexe, die ihn daraufhin versteinert.

Nicht ganz jugendfrei

Ein anderer Irrglaube betrifft die Märchenbrüder selbst. Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) waren nicht etwa zwei alte Herren, die Geschichten für Kinder ersannen. «Sie haben nur mündlich überlieferte Volkserzählungen gesammelt, gedruckt und verkauft. Das war ihr Geschäftsmodell», sagt Geisser. Als ihre ersten Märchenbände erschienen, waren die Grimms gerade mal Anfang zwanzig. «Das Ganze war sozusagen ein Märli-Startup.»

Der Museumsdirektor gibt noch etwas anderes zu bedenken: «Die Urfassungen der Gebrüder Grimm sind sehr brutal und nicht ganz jugendfrei, also ungeeignet für Kinder.» Erst im Laufe der Zeit wurden die Märchen «weichgespült», wie Geisser sagt. «Vermutlich um die Verkaufszahlen zu steigern.» Weltberühmt wurden die Märchen wohl deshalb, weil sie dank der Tierbilder eine einfache moralische Botschaft transportierten, glaubt Geisser.

Auch Forschung hat Klischees

Trotz all der Klischees findet die moderne Wissenschaft in Grimms Tierbildern manchmal einen wahren Kern: «Mäuse werden zum Beispiel als gutmütig und hilfsbereit beschrieben. Tatsächlich sind Forscher heute der Meinung, dass sie überaus soziale Tiere sind», so Geisser. Vor menschlichen Projektionen seien aber nicht einmal Wissenschafter gefeit, so einflussreich seien die Tierbilder. «Unbewusst fliesst wohl immer etwas von den vorgefassten Bildern in die Arbeit ein.»

Eine unzensierte Lesung einiger Urfassungen der Grimm-Märchen findet übrigens am 10. April statt. Führungen mit wissenschaftlichem Hintergrund zu Märchen und Tierwelt gibt es wieder ab Juli. Für Kinder finden ab dem 25. März Theateraufführungen, Märchenstunden und geführte Rundgänge statt. Mehr zu Daten, Orten und Programm finden Sie hier.

(tso)