Prozess Rupperswil

13. März 2018 19:14; Akt: 13.03.2018 19:44 Print

Kommt Thomas N. irgendwann wieder frei?

von B. Zanni - Thomas N. wird wohl nicht lebenslang verwahrt. Falls er entlassen werde, dann erst nach Jahrzehnten, vermutet eine Strafrechtsprofessorin.

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Die Gerichtszeichnung zeigt Thomas N. zusammen mit Verteidigerin Renate Senn (rechts). Das Bezirksgericht Lenzburg tagt in den Räumlichkeiten der Mobilen Polizei in Schafisheim – unweit des Tatorts in Rupperswil. Strenge Eingangskontrolle: Hier gibt es einen Personen-Check wie am Flughafen. Dienstag, 07:00 Uhr: Eintreffen der Prozessteilnehmer. Dienstag, 06:30 Uhr: Zugangskontrolle für die Prozessteilnehmer am Bezirksgericht in Schafisheim. Der Prozess wird von in- und ausländischen Medien verfolgt. Nur kurz erhellte sich am frühen Morgen der Himmel. Jetzt ist es wieder kalt und nass. Die Journalisten warten gebannt, bis die privaten Personen eintreffen, die den Prozess live verfolgen werden. Der Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil findet im Gebäude der Mobilen Polizei in Schafisheim AG statt. Aus Platzgründen verhandelt das Bezirksgericht Lenzburg den Fall in diesem Saal. Neben 65 akkreditierten Medienvertretern verfolgen 35 Privatpersonen die Verhandlung. Der heute 34-jährige Schweizer Thomas N. hat die Tat nach seiner Festnahme im Mai 2016 gestanden. Amtliche Pflichtverteidigerin: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn ist Spezialistin für Strafrecht und verteidigt den geständigen Täter. Bekannte beschreiben ihn als Einzelgänger: In diesem Haus in Rupperswil wohnte der Täter. Thomas N. wurde fünf Monate nach der Tat gefasst: Barbara Loppacher, leitende Staatsanwältin, informiert in Schafisheim über die Festnahme. (13. Mai 2016). In einem Rucksack, den die Polizei bei der Durchsuchung im Haus des Täters fand, waren eine Pistole, Fesseln und Klebeband. (13. Mai 2016) Die Tat: Am 21. Dezember 2015 wurden in Rupperswil AG eine Mutter, ihre 13- und 19-jährigen Söhne und die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes ermordet. Kriminaltechniker am Tatort. Ein Brand sollte die Spuren am Tatort verwischen. (21. Dezember 2015) Zuvor hatte der Täter die 48-jährige Carla S. gezwungen, an einem Bancomaten 10'000 Franken abzuheben. (21. Dezember 2015) Eine Sonderkommission aus rund 40 Ermittlern bearbeitete den Fall. Barbara Loppacher und Markus Gisin, der Leiter der Aargauer Kriminalpolizei. (18. Februar 2016) Die Polizei tappte lange im Dunkeln: Die Aargauer Behörden setzten eine Prämie von 100'000 Franken aus für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen könnten. (18. Februar 2016) Die Tat schockierte die Gemeinde Rupperswil: Bewohner gedenken der Opfer mit Kerzen. (24. Dezember 2015)

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Fehler gesehen?

Frau Heer, Thomas N. steht seit Dienstag wegen des Vierfachmordes in Rupperswil AG vor Gericht. Laut den Gutachtern besteht heute ein hohes Rückfallrisiko. Dennoch sehen die Gutachter ihn als therapierbar. Ist so jemand wirklich therapierbar?
Zunächst möchte ich festhalten, dass ich die Diagnose von Thomas N. nicht genau kenne. Es gibt psychische Krankheiten, die sehr schwierig zu behandeln sind. Die Taten, für die sich Thomas N. vor Gericht verantworten muss, sind schrecklich. Geht es um die Frage, ob eine solche Person therapierbar ist oder nicht, kann man aber nicht primär von der Tat oder der Art des Delikts ausgehen. Massgebend ist der psychische Zustand des Täters.

Viele Leute halten einen Menschen, der solch grauenhafte Taten gestanden hat, für abgrundtief gestört.
Nicht die Bevölkerung, sondern Fachpersonen machen das Gutachten. Das bedeutet: Ein Mensch kann ein noch so schlimmes Verbrechen begangen haben und trotzdem therapierbar sein.

Sie halten eine lebenslängliche Verwahrung für Thomas N. für unmöglich. Warum?
Um jemanden lebenslänglich zu verwahren, reicht es nicht, nur eine Therapie für aussichtslos zu halten, wie das bei der gewöhnlichen Verwahrung der Fall ist. Zwei Gutachter müssen zum Schluss kommen, dass eine Therapie bis ans Lebensende aussichtslos ist.

Wie wird ein Mehrfachmörder therapiert?
Täter mit hohem Rückfallrisiko kommen in eine gesicherte therapeutische Massnahme, die so genannte kleine Verwahrung. Innerhalb der Anstalt führt er dort ein Leben wie ein Gefangener und wird zusätzlich therapiert. Dazu gehören Psycho- und Gruppentherapien. Nach fünf Jahren überprüfen Gutachter, ob eine bedingte Entlassung aus der Verwahrung möglich ist oder die Massnahme um weitere fünf Jahre verlängert werden muss. Raus kommt er nur, wenn er einen ausgezeichneten Führungsbericht vorweist und ihn alle Fachpersonen als nicht mehr gefährlich beurteilen.

Thomas N. wird als überdurchschnittlich intelligent beurteilt. Sein grosses Ziel ist es, wieder auf freien Fuss zu kommen. Wäre es möglich, dass er in der Therapie alle täuscht, um irgendwann entlassen zu werden?
Nein. In der kleinen Verwahrung ist es während der langen Zeit schwer, ein solches Verhalten durchzuziehen. Thomas N. würde unter totaler Beobachtung stehen. Täter in dieser Massnahme sagen oft, dass sie es fast nicht mehr aushalten – dermassen eingeengt fühlen sie sich in der engmaschig betreuten Therapie-Institution. Zudem sind dort nur Profis am Werk, die sich kaum um den Finger wickeln lassen.

Ist es möglich, dass Thomas N. schon in wenigen Jahren wieder auf freiem Fuss ist?
Nein. Ich vermute, er kommt frühstens nach Jahrzehnten frei – wenn überhaupt. Zwar ist gemäss den Erkenntnissen der Gutachter nicht damit zu rechnen, dass bei Thomas N. eine lebenslange Verwahrung angeordnet wird. Aber auch eine gesicherte therapeutische Massnahme, die sogenannte kleine Verwahrung, wird auf unbestimmte Zeit angeordnet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine solche Massnahme immer wieder verlängert wird, wenn Thomas N. keine Therapiefortschritte macht.

Wie kommen Sie zu dieser Prognose?
Die heutige Praxis ist sehr restriktiv. Täter, die deutlich weniger gravierende Taten verübt haben, sind heute teilweise bis zu 20 Jahren verwahrt. Etwa im Falle von Körperverletzung wird die sogenannte kleine Verwahrung regelmässig verlängert.