1. Prozesstag im Überblick

13. März 2018 07:03; Akt: 13.03.2018 20:00 Print

«Ich will wieder ein Teil der Gesellschaft werden»

von Jennifer Furer/Stefan Ehrbar - Der erste Prozesstag im Fall Rupperswil ist beendet. Thomas N. sprach über sein Motiv. Der Bezirksrichter fragte, ob seine Aussagen nicht taktisch motiviert seien.

Opferanwalt Markus Leimbacher zum ersten Prozesstag. (Video: 20 Minuten)
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Mit einem leisen «Grüezi mitenand» trat Thomas N. am Dienstag vor die Richter. N., der am 21. Dezember 2015 in Rupperswil vier Personen umgebracht, sich an einem 13-Jährigen vergangen und ein Haus angezündet haben soll, stützte im Verlauf des ersten Prozesstages seinen Kopf immer wieder auf seine Hand, starrte auf die Tischplatte und verfolgte den Prozess regungslos. Am Nachmittag versuchte sich N. zu erklären. Die Aussagen wirkten teilweise einstudiert.

«Ich bin pädophil», sagte er, als ihn der Richter auf seine sexuellen Vorlieben ansprach. Er wünsche sich, dass Pädophilie heilbar sei. «Aber wenn die Gutachter sagen, das ist es nicht, wird es wohl so sein.» Den sexuellen Missbrauch des 13-jährigen Davin hatte N. gefilmt. Die Richter schauten die Videos am Nachmittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit an.

Der Prozess zum Vierfachmord von Rupperswil

Was sie sahen, das offenbart die Anklageschrift, ist von grosser Brutalität. Bei seiner Befragung gab Thomas N. das sexuelle Motiv als wichtigsten Grund für die Tat an. Anschliessend an den Missbrauch soll N. alle vier Opfer mit dem Messer getötet haben.

Geld, Angst, Scham

Der Opferanwalt Luc Humbel mochte der Schilderung von Thomas N. nicht glauben, dass seine Opfer sich nicht gewehrt hätten und regungslos hingenommen hätten, dass sie Thomas N. mit dem Messer tötete. So sei es in seiner Erinnerung nun mal, sagte N. Es könne aber sein, dass Simona F. versucht habe, sich zu befreien.

«Warum musste es zu diesen Tötungen kommen?», fragte der Gerichtspräsident Daniel Aeschbach. «Eine schwierige Frage», antwortete N. – und schwieg dann lange, bis er mögliche Motive ausführte: Die Tat zu vertuschen, Angst und Scham. 11’000 Franken erbeutete N. bei seiner Tat, für die vier Menschen ihr Leben liessen. Ob sich dieses Verhältnis in Worte fassen liesse, ob es eine Begründung dafür gebe, fragte der Gerichtspräsident. «Krank», sagte Thomas N., so könne er sich als Laie das erklären.

«Ich wäre am liebsten Stunden dort geblieben»

Die Tötung sei ihm damals als «einzig mögliche Lösung» vorgekommen. Das Messer habe er als Tatwaffe ausgewählt, weil er gedacht habe, das sei am «einfachsten» und «schmerzfreisten». Auf die Frage, wieso er das Haus nicht verlassen habe, ohne die vier Menschen zu töten, antwortete N., in dieser Phase sei es schwierig gewesen, etwas zu entscheiden. «Es hätte Überwindung gebraucht, einfach zu gehen.» Er wäre «am liebsten Stunden dort geblieben, um nicht darüber entscheiden zu müssen.» Als er das Haus verlassen habe, habe er sich leer gefühlt – und in der Zeit danach «Angst, Wut und Zerrissenheit» erlebt.

Schon kurz nach der Tat hatte N. seinen Rucksack wieder gepackt und Utensilien für eine neue Tat gekauft. Zwei mögliche Opfer, die Davin ähnlich sahen, hatte N. in den Kantonen Bern und Solothurn beschattet und deren Familien kontaktiert. Noch einen Tag vor seiner Verhaftung war er im Wohnquartier des einen Jungen unterwegs, schlug dann aber doch nicht zu.

Sind seine Aussagen taktisch motiviert?

«Es ist dem vorbildhaften Handeln der Polizei zu verdanken, dass meine Klienten noch leben», sagte der Anwalt der Familien. Die Knaben, die Thomas N. ins Visier genommen hatte, wissen bis heute nichts davon. N. gab zwar zu, die Knaben beobachtet zu haben, stritt aber ab, eine ähnliche Tat noch einmal geplant zu haben: «Das war ausgeschlossen». Seine Verhaftung sei schliesslich eine Erleichterung gewesen.

Thomas N. antwortete nüchtern und zeigte kaum emotionale Regungen. Bezirksrichter Luca Cirigliano fragte N., ob seine Aussagen nicht taktisch motiviert seien. So habe er etwa angegeben, am Missbrauch von Davin keine Freude gehabt zu haben. Warum er denn nicht einfach aufgehört habe? N. antwortete, er habe gedacht, wenn er etwas Neues ausprobiere, funktioniere das vielleicht. Er habe auch nicht gewusst, warum es ihm nicht gefallen habe.

Thomas N. will wieder frei kommen

N. sagte, er habe auch schon an die Opfer gedacht. «Schmerzhaft» sei das gewesen, antwortete N. in sachlichem Ton. Er beantwortete alle Fragen, die ihm gestellt wurden – auch zu einem Brief, den er im Sommer 2017 an die Angehörigen schrieb und in dem er sich dafür entschuldigte, sich so lange nicht gemeldet zu haben. Eine eigentliche Entschuldigung sei im Brief aber nicht enthalten gewesen, so Opfer-Anwalt Markus Leimbacher.

Thomas N. scheint sich darauf vorzubereiten, wieder entlassen zu werden. So nimmt er im Gefängnis ein Wirtschaftsstudium in Angriff. Damit könnte er sich selber etwas aufbauen, sollte er entlassen werden. «Wer würde mich mit einer Lehre einstellen?», fragte N. Er wolle wieder ein Teil der Gesellschaft werden und sich resozialisieren. Seine Zukunftsvision: Als alter Mann mit seinen Hunden in einem Haus am Kamin zu sitzen. «Das Leben ist etwas Schönes. Man muss es achten», sagte N. einmal.

Gutachter schliessen Therapie nicht aus

Am Morgen hatten die forensischen Psychiater Elmar Habermeyer und Josef Sachs ihre Gutachten präsentiert. Unabhängig voneinander kamen sie zum Schluss, dass Thomas N. pädophil sei. Das wisse N., der eine intakte Kindheit erlebt habe, schon seit der Schulzeit, sagte Habermeyer. Sein Konsum von Kinderpornografie habe suchtartige Züge gezeigt. Die Psychiater waren sich einig, dass N. eine narzisstische Störung aufweist, wenn auch beide bezüglich des Schweregrad unterschiedlicher Meinung waren.

Sachs sprach von vier Motiven, die N. zur Tat getrieben hätten: hauptsächlich das sexuelle Motiv, aber auch das Bedürfnis, Macht auszuüben, Scham und finanzielle Beweggründe. Die Gutachter kamen beide zum Schluss, dass Thomas N. nicht untherapierbar scheine. Damit dürfte N. der lebenslangen Verwahrung entgehen. Auch eine ordentliche Verwahrung könnte nun für das Gericht schwer auszusprechen sein. Der Prozess wird am Mittwoch mit den Plädoyers fortgesetzt.

Hier können Sie den ersten Prozesstag im Ticker nachlesen:

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