Neue Lärmverordnung

13. Juni 2018 15:48; Akt: 13.06.2018 16:36 Print

Der Hochzeits-DJ wird künftig überwacht

2019 sollen für Veranstalter schärfere Lärmschutzregeln gelten. Diese üben Kritik. Streitpunkt ist aber nicht der Schallgrenzwert, sondern die Messbedingung.

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Der Bund will das Schweizer Volk besser vor Lärm schützen. Für Veranstaltungen soll deshalb 2019 eine neue Verordnung zum Bundesgesetz über den Schutz vor Gefährdungen durch Strahlung und Schall (V-NISSG) in Kraft treten. In ihr ist auch die Schall- und Laserverordnung (SLV) aus dem Jahr 1996 integriert. Die neue Verordnung sieht die Neuerung vor, dass bei Veranstaltungen mit elektroakustisch verstärktem Schall bei einem mittleren Schallpegel von 93 bis 96 Dezibel aufgezeichnet werden muss.

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Zudem muss der Pegel neu auch dann aufgezeichnet werden, wenn die Gäste nicht länger als drei Stunden einem Pegel von 96 bis 100 Dezibel ausgesetzt sind. Diese Aufzeichnungen müssen anschliessend 30 Tage aufbewahrt werden. Die Messung muss durch ein geeichtes und kalibriertes Gerät erfolgen.

5000 Franken für ein Messgerät

Zuvor mussten solche Veranstaltungen mit einem maximalen Pegel von über 93 Dezibel lediglich mit einem Messgerät überwacht werden. In der Vollzugshilfe des Bundesamts für Gesundheit heisst es, diese Geräte müssten nicht geeicht und kalibriert sein, es empfehle sich jedoch ein möglichst präzises Gerät. Nun sind geeichte Geräte vorgeschrieben.

Dieser Umstand löst bei Veranstaltern Kopfschütteln aus. Gastro Suisse beziffert die Anschaffung solcher Messgeräte mit rund 5000 Franken und mehr, wie die NZZ schreibt. Die neuen Verschärfungen seien «unbegründet, unrealistisch und mit erheblichem Aufwand bei vernachlässigbarem Nutzen verbunden».

Geräte können ausgeliehen werden

«Da bekommen Pubs, kleine Lokale, aber auch einfache Bürger, die eine Veranstaltung durchführen, gewaltige Probleme», sagt Maurus Ebneter, Vertreter des Wirteverbandes Basel-Stadt zur Zeitung. «Konkret muss jemand, der einen DJ an seiner Hochzeit auftreten lässt oder eine Musikband für das Quartierfest engagiert, künftig die ganze Veranstaltung aufzeichnen.»

Ähnlich klingt es vom Berufsverband der freischaffenden Musiker in der Schweiz, Sonart: «Die Blasmusik in einem kleinen Raum muss eine fachgerecht ausgebildete Person haben, die mit einem eichbaren Messgerät kontrolliert, wie sich der Pegel entwickelt.» Auch die Schweizerische Gesellschaft für Akustik wies in einem Bulletin darauf hin, dass weniger die Grenzwerte als vielmehr die erforderlichen Messgeräte zu diskutieren geben.

Das BAG wollte die Kritik in der NZZ nicht kommentieren. Entsprechende Messgeräte können jedoch auch ausgeliehen werden. So hat das Umweltdepartement des Kantons Schwyz Anfang Mai in einer Mitteilung darauf hingewiesen, dass die Kontrollbehörde eine entsprechende Ausleihe anbiete. Auch im Kanton Luzern besteht eine solche Möglichkeit. Es gibt ausserdem zahlreiche Unternehmen, die diesbezüglich eine Dienstleistung anbieten.

Publikum informieren und Gehörschutz anbieten

Musizierende Gruppen ohne Verstärker müssen den Schallpegel nicht aufzeichnen. In der neuen Verordnung des Bundes heisst es, dass Veranstaltungen ohne elektroakustisch verstärktem Schall nicht gleichbehandelt werden können wie solche mit. «Einer Guggenmusig kann man nicht vorschreiben leiser zu spielen, damit sie unter einen mittleren Schallpegel von 100 Dezibel kommt.»

Entsprechend müssen Veranstaltungen ab einem Pegel von 93 Dezibel ohne elektroakustisch verstärktem Schall nicht aufgezeichnet oder überwacht werden. Es ist jedoch vorgesehen, dass die Veranstaltung gemeldet, das Publikum über eine mögliche Gefährdung des Gehörs informiert und ein Gehörschutz abgegeben wird.

Sonderfall Guggenmusig

Der Thurgauer Regierungsrat ist ob dieser Ausnahme irritiert. Es spiele keine Rolle, ob der Schall elektroakustisch verstärkt wird oder nicht, schreibt er in einer Medienmitteilung von Ende Mai. «Wenn es tatsächlich um die Gefährdung der menschlichen Gesundheit geht, müsste auch einer Guggenmusig (wie einer Rockband) vorgeschrieben werden, leiser zu spielen, damit sie unter einen mittleren Schallpegel von 100 Dezibel kommt.» Grundsätzlich begrüsse man die neue Verordnung jedoch.

Auch der Kanton Luzern hält die neue Verordnung weitgehend für sinnvoll. Bezüglich der Guggenmusig hält Regierungspräsident Guido Graf in einer Mitteilung jedoch fest: «Wir sind der Überzeugung, dass eine generelle Meldepflicht für Veranstaltungen ohne elektroakustisch verstärktem Schall und einem mittleren Schallpegel grösser als 93 dB(A) nicht vollzogen werden kann. Diese Meldepflicht sollte unseres Erachtens gestrichen werden.»

(vro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom am 13.06.2018 16:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bürokratischer Unsinn

    Hauptsache es kostet mehr und nützt nichts... Aber ein Beamter in Bern hat ne Beschäftigung.

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  • fredy moos am 13.06.2018 16:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    taskforce gefordert

    bin neulich fast von der Kloschüssel gefallen. Ich verlange eine Sonderkommission vom Bund und eine neue Regulierung (weil wir davon noch nicht genug haben), welche vorschreibt, dass alle WCs nachträglich mit Zertifizierten Sicherheitsgurten ausgerüstet werden! Es kann doch nicht sein, dass in einem Land wie der Schweiz noch sowas wie Eigenverantwortung vorkommt! Die letzten 2-3 Dinge, die noch nicht zu Tode reguliert wurden, müssen rasch gefunden und reguliert werden!!!

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  • Stefan am 13.06.2018 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    und tschüss

    Ich führe den Event in unserem kleinen Dorf nicht mehr durch. Immer mehr Vorschriften, Aufwände, Abgsben, Versicherungen, etc. Das l9hnt nicht mehr und macht keinen Spass. Gleichzeitig jammert man zum Thema Swissness und mangelnde Bereitschaft der Bürger sich ehrenamtlich zu engagieten. Kein Wunder, wenn der Aufwand und die Komplexität stetig zunehmen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Penumbra Noctis am 14.06.2018 15:00 Report Diesen Beitrag melden

    Fasnachtshupen

    Das ist schon ganz recht so. Wenn dir beim Essen in einem Restaurant ungefragt eine Guggenmusik direkt ins Ohr hupt, dann hast du noch Tage (mit Pech auch Wochen) spaeter Fasnacht, dank Tinnitus.

  • classic class am 14.06.2018 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    klassische musik

    auch bei klassischer musik ist der lautstärkenpegel sehr hoch, viele klassische musiker haben probleme mit ihrem gehör, selbst eine geige ist für den geigenspieler viel lauter als es diese vorschriften erlauben würde und das ohne elektronische verstärkung.

  • Loris Brütsch am 14.06.2018 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ein Quatsch!

    Dann muss also auch ein Theaterpublikum oder ähnliches leiser applaudieren? Dann dürfen Fussballfans bei WM-Public Viewings sich nicht mehr euphorisch austoben, sobald es ein Tor gibt? Dann müssen Metalbands die in kleinen Locations spielen ohne gross abgenommen zu werden quasi eher ein Akustikset spielen, wie eine Wedding-Band? Von welcher Distanz wird denn die Lautstärke gemessen?!

  • Dani am 14.06.2018 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    Verstand verloren?

    An solchen Veranstaltungen sind schliesslich alle freiwillig!! Und wie laut sind die quietschenden Züge der SBB oder die Laubbläser?

    • Xeno72 am 14.06.2018 12:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dani

      Die SBB investieren seit Jahren Millionen in den Lärmschutz. Ansonsten haben Sie natürlich Recht.

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  • Sara am 14.06.2018 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und was ist mit dem Güterbahnhoflärm?

    Von wegen Lärmschutz. Soll der Bund endlich was gegen den Lärm von den Bresmen der Güterzüge im Güterbahnhof Spreitenbach machen