Im Heim gestorben

05. November 2017 10:29; Akt: 05.11.2017 15:52 Print

17-Jähriger isst sich unter Kesb-Aufsicht zu Tode

Ein Teenager verstarb in einem Altersheim, als er 280 Kilo wog. Nun fordern Experten geschlossene Kliniken für Übergewichtige.

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Zuletzt hielt sich der Jugendliche im Seniorenzentrum Wiesengrund auf. (Bild: seniorenzentrum-wiesengrund.ch)

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Fabian M. starb im Alter von 17 Jahren in einem Altersheim – vermutlich, nachdem er sich aus seinem Rollstuhl erhoben hatte und hingefallen war. Der Jugendliche wog 280 Kilogramm, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

Seine Fresssucht entwickelte er bereits im Kindergarten. Nachdem die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eingeschaltet worden war, folgten diverse Aufenthalte in Heimen, Kliniken und Anstalten. Es half alles nichts: Der Bub wurde immer dicker, mit der Zeit wollte ihn keine Institution mehr aufnehmen. Zuletzt fand er Unterschlupf in einem Altersheim, wo er sich per Kurier Pizza und Chicken Nuggets bestellte. Anfang Oktober starb er.

Manchmal hilft nur Zwang

«Einen Fall mit solch schweren Folgen habe ich noch nie erlebt», sagt Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung, gegenüber der «SonntagsZeitung». In dieser Situation bräuchte es laut von Grünigen einen stationären Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt. «Aber eine solche gibt es in der Schweiz nicht.»

Bestehende Reha-Kliniken sind auf Übergewichtige ausgerichtet, die gewillt sind, sich einer Therapie zu unterziehen. «Ist die Sucht weit fortgeschritten, dann muss man mit Zwang verhindern, dass der Betroffene weiterhin an Essen gelangt», stellt von Grünigen klar.

Diana Wider von der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz stimmt zu: «Vielleicht könnte man so solche Schicksale verhindern.»

Ärzte als «Fettpolizei» stigmatisiert

Das sehen teils sogar die Betroffenen selber so: Die Adipositas-Stiftung erhalte immer mehr Anfragen von Menschen, die sich in ein geschlossenes Setting begeben möchten, sagt von Grünigen. «Weil sie merken, dass eine offene Klinik ihnen nicht ausreicht, um abzunehmen.»

«Bei Übergewicht im Kindesalter wird immer wieder zu lange untätig zugeschaut», kritisiert auch Dagmar l’Allemand, leitende Ärztin am Ostschweizer Kinderspital und Co-Präsidentin des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Ärzte, die früh und vorbeugend eingreifen möchten, würden als «Fettpolizei» gebrandmarkt. Die Folge: Nur die allerwenigsten Kinder erhalten heute eine strukturierte Behandlung. «Obwohl eine solche in 70 Prozent aller Fälle Wirkung zeigt.»


(sul)