Aussteiger erzählt

27. Oktober 2017 13:01; Akt: 27.10.2017 15:00 Print

Was sind Linksextreme für Leute?

von Silvana Schreier - Aktivisten aus linksextremen Kreisen haben eine Reihe von Brandanschlägen verübt. Was steckt dahinter?

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Brennende Firmenfahrzeuge, zerstörte Baukräne und Brandstiftung auf Baustellen: In den vergangenen Monaten übten Linksextreme zahlreiche Anschläge aus. Besonders die Baufirma Implenia, die in Basel neue Ausschaffungszellen beim Gefängnis Bässlergut baut, wurde in letzter Zeit Opfer der linksextremen Szene. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) stehe mit den lokalen Behörden in Kontakt: «Gewalttätige Linksextreme richten ihre Proteste zurzeit gegen Einrichtungen des Asylwesens, die ‹Ausschaffungsmaschinerie›, wie sie von ihnen genannt wird», sagt Carolina Bohren, Sprecherin des NDB. Die Zahlen des Nachrichtendienst des Bundes zeigen: Nachdem linksextreme gewalttätige Ereignisse seit 2011 abgenommen haben, nehmen sie seit 2015 wieder zu.

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«Steine werfen ist einfacher, als eine Lösung zu finden»

«Zurzeit sind die Flüchtlingsthematik und der Protest gegen den Kapitalismus im Zentrum der linksextremen Aktionen», sagt denn auch Dirk Baier, Extremismusexperte und Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW. Extremismus sei wellenförmig aktiv. Auf eine Zeit der Ruhe folge oftmals eine erhöhte Aktivität. Das hänge jeweils stark mit der Konjunktur der politischen Themen zusammen.

Aber wer sind denn überhaupt diese Linksextremen? Adrian Oertli, Extremismusexperte und ehemaliger linksextremer Aktivist, erklärt: «Das sind oft Personen, die mit ihrem eigenen Leben gut klarkommen und keine Existenzängste haben. Darum beschäftigen sie sich dann mit dem grösseren Ganzen und der Situation in anderen Ländern.» Die Ungerechtigkeit versetze sie in eine Ohnmacht: Sie wollten etwas tun, seien aber wie gelähmt. «Gerade dieses Ohnmachtsgefühl verleitet zu totalitären Lösungen. Und Gewalt gibt dann den Anschein von Kontrolle», sagt Oertli. Steine zu werfen sei schliesslich einfacher, als eine Lösung für die Ungerechtigkeit zu finden. Oertli: «Wer im Extremismus steckt, ist wie in der Pubertät.» Es brauche Geduld, bis solche Linksextreme vom Kampf gegen die Übermacht abliessen und realisierten, dass sie genauso Macht ausüben.

Oertli erklärt, worin die Anziehungskraft der linksextremen Szene liegt: «Die Aktivisten treten als Retter auf, die die Opfer vor dem ‹bösen System› zu schützen.» So hätten Linksextreme in der Gesellschaft auch ein besseres Image als Rechtsextreme: «Die Vision einer Gesellschaft ohne Unterdrückung ist nun mal sympathischer als die Ausrottung der Minderheiten.» Auch präsentierten sie «eine wunderbare Zukunftsvision einer Welt in Harmonie». Was nicht in die Logik der extremistischen Strömungen passe: «Gerade dadurch, dass sie diese Vision mit Gewalt umsetzen wollen, schaffen sie neue Unterdrückung», so Oertli.

Unterschätzung des Linksextremismus

Auch Extremismusexperte Baier beobachtet, dass der Kampf gegen die Ungerechtigkeit oft auf breites Verständnis stösst: «Der Linksextremismus verfolgt ‹sympathischere› Ziele. Er tritt für Gleichheit ein und kritisiert den Kapitalismus.» So würden denn auch rechtsextreme Treffen oder Aktionen eher die Schlagzeilen beherrschen. «Beim Linksextremismus schaut man eher weg», sagt Baier. «Es wird unterschätzt, dass es Personen gibt, die die linksextremistische Ideologie in die Tat umsetzen – auch mit Gewalt.» Beim Linksextremismus würden sich Gewalttaten zwar meist gegen Dinge richten, aber: «Wenn genügend Personen bereit zu Gewalt gegenüber Sachen sind, dann hat es in dieser Gruppe auch immer solche, für die Angriffe auf Personen denkbar sind.»

Zurzeit arbeitet Baier an einer Forschung zum «politischen Extremismus unter Jugendlichen in der Schweiz». Die Zwischenergebnisse zeigen auf: 7 Prozent der bisher Befragten tendieren zu einer linksextremen Orientierung; 4 Prozent zu einer rechtsextremen Weltsicht; 1 Prozent zum radikalen Islam und 4,5 Prozent der muslimischen Befragten zum radikalen Islam.