Studygram

15. Mai 2017 05:44; Akt: 15.05.2017 05:44 Print

«Es ist cool geworden, ein Streber zu sein»

von B. Zanni - Schüler und Studenten büffeln in aller Öffentlichkeit – und auf Instagram. Damit wollten sie auch zeigen, wie clever sie sind.

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Unter Hashtags wie #studyblr, #studygram oder #instastudy zelebrieren Schülerinnen und Studenten in den sozialen Medien das Büffeln als Lifestyle. Die Fotos der Arbeitsplätze, die glatt Papeteriekatalogen Konkurrenz machen könnten, stammen von Schülerinnen und Studentinnen. Hier befasst sich jemand mit Enzymen. Lernmaterial und Handy-Cover harmonieren perfekt. Hier büffelt jemand ganz chic Biologie. Immer in greifbarer Nähe: ein Caffè Latte. «Das Lernen wird viel mehr zelebriert. Man zeigt gern, dass man büffelt», sagt Jonas A. Müller, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins. Häufig gehe es darum, zu demonstrieren, welch grosse Wissensmengen sie gerade bearbeiteten, sagt Jonas A. Müller. Vor allem in Prüfungsphasen posteten viele Studentinnen auf Facebook Fotos ihrer Arbeitsplätze. «Es ist cool geworden, ein Streber zu sein», stellt Deborah Neuhaus fest, Papeteristin bei der Papeterie Zumstein AG. Neuerdings kämen oft Schülerinnen und Studenten mit klaren Vorstellungen vorbei. «Sie achten auf Artikel, die möglichst cool und einzigartig aussehen.» Gefragt seien Leuchtstifte in Pastellfarben, Collegeblöcke mit verschiedenen Mustern oder Agenden und Notizbücher im Shabby-Chic-Style. Auch Kugelschreiber in Pastellfarben lassen Streberherzen höherschlagen. «Früher schämte man sich eher oder sah es als notwendiges Übel, Post-its oder Notizbücher zum Lernen zu kaufen», sagt Papeteristin Deborah Neuhaus. Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, sagt: «Attraktive Gadgets und der vielfältige Einsatz von Papeteriematerial für ein strukturiertes Lernen machen das Büffeln für viele Schüler zu einer weniger trockenen Angelegenheit.» «Wer an einem piekfeinen Arbeitsplatz arbeitet, lernt nicht unbedingt besser», sagt Phil G. A. Theurilla. Es bestehe die Gefahr, dass Schüler und Studenten ihren Arbeitsplatz gestalten und inszenieren, um das Lernen aufzuschieben und gleichzeitig ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen.

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Die pastellfarbenen Leuchtstifte sind nach Farben abgestimmt neben dem Notizheft platziert. Das Wichtigste ist in einer fein säuberlichen Schrift zusammengefasst. Perfekt harmonieren die markierten Passagen mit Stiften, Post-its, iPhone-Cover und Laptop. Daneben liegen rosa To-do-Listen. Immer in greifbarer Nähe steht ein Caffè Latte. Die Fotos der Arbeitsplätze, die glatt Papeteriekatalogen Konkurrenz machen könnten, stammen von Schülerinnen und Studentinnen. Unter Hashtags wie #Studyblr, #Studygram oder #Instastudy zelebrieren sie in den sozialen Medien das Büffeln als Lifestyle.

Umfrage
Wie sieht Ihr Arbeitsplatz aus, wenn Sie auf Prüfungen lernen?
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60 %
19 %
6 %
Insgesamt 926 Teilnehmer

Der Trend fällt auch Jonas A. Müller auf, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins. «Das Lernen wird viel mehr zelebriert. Man zeigt gern, dass man büffelt», sagt er. Vor allem in Prüfungsphasen posteten viele Studentinnen auf Facebook Fotos ihrer Arbeitsplätze. «Häufig geht es ihnen auch darum, zu demonstrieren, welch grosse Wissensmengen sie gerade bearbeiten.»

«Tag und Nacht lernen gehört zum guten Ton»

Das Phänomen ist laut Müller aus den USA und Grossbritannien auf die Schweiz übergeschwappt. «Zu zeigen, dass man Tag und Nacht am Lernen ist, gehört dort zum guten Ton.» Dies rühre daher, dass Bildung in der Gesellschaft einen zunehmend wichtigen Stellenwert erhalten habe.

Angesagt sind auch Gemeinschaftserlebnisse beim Lernen. Bibliotheken platzen vor Semesterprüfungen jeweils aus allen Nähten, sodass einige schon am Sonntag öffnen. Andreas Schwarzinger, Co-Geschäftsführer von Uniboard.ch, einer Austauschplattform für Studenten, sagt zudem: «Zusammen lernen wird als cool betrachtet.» Viele Studenten tauschten Zusammenfassungen aus oder hälfen sich bei Fragen. «Heute verstecken sie sich nicht mehr, wenn sie lernen und Erfolge erzielen wollen, sondern stehen gemeinsam zu ihrem Ehrgeiz, was früher vielleicht noch als streberhaft galt.»

Gefragte Papeterieartikel

Bei Schülern zeigt sich ein ähnliches Verhalten. «Es ist cool geworden, ein Streber zu sein», stellt Deborah Neuhaus fest, Papeteristin bei der Papeterie Zumstein AG. Neuerdings kämen oft Schülerinnen und Studenten mit klaren Vorstellungen vorbei. «Sie achten auf Artikel, die möglichst cool und einzigartig aussehen.» Gefragt seien Leuchtstifte in Pastellfarben, Collegeblöcke mit verschiedenen Mustern oder Agenden und Notizbücher im Shabby-Chic-Style.

«Früher schämte man sich eher oder sah es als notwendiges Übel, Post-its oder Notizbücher zum Lernen zu kaufen.» Langsam zeichne sich der Gegentrend auch bei den männlichen Kunden ab.

Gefahr des Aufschiebens

Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, sagt: «Attraktive Gadgets und der vielfältige Einsatz von Papeteriematerial für ein strukturiertes Lernen machen das Büffeln für viele Schüler zu einer weniger trockenen Angelegenheit.» Die Vorbereitungen dafür erhielten sie in Lerntechnik-Lektionen, die in den Schulen zunehmend verbreitet seien.

Lernexperten sind der Meinung, dass Büffel-Posts aber auch viel Lärm um nichts sein können. «Wer an einem piekfeinen Arbeitsplatz arbeitet, lernt nicht unbedingt besser», sagt Phil G. A. Theurilla. Es bestehe die Gefahr, dass Schüler und Studenten ihren Arbeitsplatz gestalten und inszenieren, um das Lernen aufzuschieben und gleichzeitig ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. «Ähnlich verhält es sich bei Managern, die ihr Büro mit Post-its vollkleben und sich dabei zu Tode organisieren, statt die Arbeit endlich anzupacken.»

Schüler und Studenten geben in Vlogs Lerntipps:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • User324 am 15.05.2017 06:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    interessant

    Anhand der Bilder sieht man sofort, ob jemand tatsächlich büffeln muss, oder nur für instagram einen Tisch dekoriert...

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  • Clife am 15.05.2017 07:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    90% der Schüler tun nur so...

    ...sind doch alles Erstsemestler, die solche Bilder machen. Von denen sind 90% gar nicht zu gebrauchen und auch später wird es teilweise nicht besser. Die tun alle nur so als ob

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  • Denkpause am 15.05.2017 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön und gut ...

    ... nur schade, dass es ein Trend werden musste.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • o.G am 15.05.2017 11:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Realität

    Eigentlich waren Wissende immer Sexy. Nur die Unwissenden haben solche schlecht dargestellt. Lieber eine Dame mit etwas im Kopf statt nur Schminke am Kopf.

  • ein schelm am 15.05.2017 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wololo

    ha, meine worte. "wer an einem piekfeinen arbeitsplatz arbeitet, lernt nicht unbedingt besser." endlich schluss mit "räum deinen arbeitsplatz auf!" ;)

  • Mimi Gerber am 15.05.2017 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Unnütz

    Es muss halt alles cool sein, aber statt Zeit in Deko würde ich die Zeit ins Lernen investieren.

  • Aka Lips am 15.05.2017 10:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu viel geld

    Mir nimmt es manchmal wunder wie viel taschen geld die bekommen....weil solche spezial stifte richtig teuer sind...ich konnte mir zb. Nicht solche stifte leisten geschweige den ein ipat..

  • boka am 15.05.2017 10:24 Report Diesen Beitrag melden

    Aufgetaut

    Wäre eine positive Entwicklung, wenn die Obercoolen, die vor lauter Coolness fast in ihren Posen einfrieren, durch etwas Strebsamkeit und Interesse abgelöst würden. Bleibt nur zu hoffen, dass das Strebern nicht ein neues Fake-Verhalten ist. Wenn sich dann die Studis wieder gerne auf die Mint-Fächer einlassen, Philologen, Psychologen, Pädagogen und Philosophen haben wir nämlich genug, dann nehme auch ich den neuen Trend dann ernst ;)