Kleidervorschriften

13. Juni 2018 05:48; Akt: 13.06.2018 05:48 Print

«Schülerinnen wollen oft die Reaktionen spüren»

von Stefan Ehrbar - Die Kleiderempfehlungen für Frauen am Gymnasium Oberaargau entfachen eine Debatte. Eine Expertin verteidigt die Schule.

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Das Gymnasium Oberaargau hat mit Kleiderregeln nur für Mädchen eine Diskussion um Freizügigkeit und Regeln in Gang gesetzt. Die Journalistin und Autorin Michèle Binswanger nimmt die Schule in Schutz.

Umfrage
Was halten Sie von den Kleiderempfehlungen?

Ein Gymnasium hat ein Merkblatt mit Kleiderempfehlungen herausgegeben. Frauen sollen keine trägerlosen oder bauchfreie Oberteile tragen. Was halten Sie davon?
Michèle Binswanger
Es ist ungeschickt, ein solches Flugblatt nur für Mädchen herauszugeben, weil sofort der Sexismus-Vorwurf kommt. Aber grundsätzlich haben viele Schulen eine Hausordnung, die auch Kleidungsstücke betreffen kann: Kappen, Sprüche auf T-Shirts oder Skateboards. Ich finde das legitim.

Wieso braucht es Kleiderregeln?
Schulen sind eine Art Gemeinschaft und haben als solche Regeln. Die müssen immer wieder ausgehandelt werden. Wenn Leute sich durch Verhalten, Kleidungsstücke oder auch Gerüche gestört fühlen, müssen sich Schüler Gedanken machen, welche Wirkung sie auf andere haben.

Für die Wirkung, die freizügige Kleidung hat, sind doch jene verantwortlich, die sich daran stören.
Die Mädchen sind nicht dafür verantwortlich, was ihre Kleidung bei den Lehrern oder Mitschülern auslöst. Sie sind auch nicht schuld, wenn sich andere an ihrer Kleidung aufgeilen. Es geht eher darum, zu sagen: Wenn du dich so ankleidest, hat das eine Wirkung auf dein Umfeld. Schüler in diesem Alter probieren aus, spielen mit Möglichkeiten und Grenzen. Erst wenn eine Reaktion kommt, realisieren sie die Wirkung.

Macht man junge Frauen so nicht verantwortlich für Übergriffe auf sie?
Was wäre die Gegenposition? Jeder darf nackt kommen und das ist okay?

Genau.
Von der Idee her kann man darauf nichts entgegnen, denn im Grunde ist es so. Aber ich sehe es als Mutter: Wenn meine 16-jährige Tochter etwas anzieht, das zu kurz oder zu durchsichtig ist, verbiete ich es ihr.

Wieso?
Natürlich wäre es wünschbar, dass es keine Rolle spielt, wie sie draussen herumläuft. Aber wie man sich kleidet, hat eine grosse Wirkung. Das müssen Teenager lernen. Sexuelle Gewalt hat nie etwas damit zu tun, wie sich Opfer kleiden. Aber je nachdem, wie man sich kleidet, kriegt man mehr oder weniger Reaktionen. Das ist ja auch oft das Motiv, warum man sich so kleidet. Als Mutter möchte man das Kind vor unerwünschten Reaktionen bewahren. Das kommt auch aus Ängsten und eigenen Erfahrungen heraus.

Das als Mutter zu sagen, ist das eine. Diese Regeln kommen aber von Lehrern.
Meine Tochter wurde vor kurzem von der Schule aufgefordert, etwas weniger Ausschnitt zu zeigen. Sie hat sich aufgeregt. Ich sagte: Mach es doch einfach! Wäre es mir aufgefallen, hätte ich es sogar selber gesagt. Die Schule hat eine Erziehungsfunktion.

Was sollen Kleiderregeln die Kinder lehren?
Im Arbeitsleben kann man auch nicht in seiner Wunschkleidung ins Büro. Ich finde das Vorgehen des Gymis legitim – zumal es sich um Empfehlungen handelt. Darüber kann man sich auch hinwegsetzen. Regeln können auch ein Gesprächsangebot sein.

Wie meinen Sie das?
Heute will man den Kindern alle Freiheiten geben, aber Erziehung hat auch mit Strukturen zu tun. Die kann man natürlich diskutieren und allenfalls variieren. Wenn eine Schülerin sich freizügig kleidet, weil sie provozieren will, muss eine Schule auch mal Widerstand leisten.

Die Rektorin des Oberaargauer Gymis sagt, es gehe um den Schutz der Mädchen. Freizügige Kleidung könne Reaktionen bei anderen auslösen.
Das ist eine paternalistische Aussage. Es ist wie so oft bei Wertefragen schwierig, Regeln rational zu begründen. Bei mir ist es auch mehr ein Instinkt. Ich befürworte die Institution Schule und weiss, dass sie Regeln aufstellen muss.

Wie erklären Sie sich die harsche Kritik auf die Regeln der Schule?
Vielleicht liegt es daran, dass es ein hierarchischer Entscheid war, der die Schülerinnen in ihrer persönlichen Freiheit einschränkt. Aber das ist auch im Job oder in Vereinen die Realität.

Ab welchem Alter sollen sich Kinder so kleiden dürfen, wie sie wollen?
Es ist keine Frage des Alters, sondern des Kontexts. Jede Gemeinschaft hat das Recht, ihre Regeln aufzustellen. In einer Schule oder im Büro ist das kein demokratischer Entscheid.

Die Regeln könnten den gegenteiligen Effekt haben. Einige Schüler wollen sich nun zum Trotz freizügig kleiden.
Trotzreaktionen führen erst zu einer Diskussion. Debatten entstehen nicht, indem alle Regeln abnicken. Erst in der Auseinandersetzung merkt man, welche Rolle Metathemen wie Verantwortung oder Sexualität hier spielen.

Trotz Diskussionen: Am Schluss gelten die Regeln.
In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat sich der Common Sense über das, was als anzüglich gilt, verändert. Heute gilt die persönliche Freiheit als höchstes Gut. Trotzdem sind wir eine Gemeinschaft. Einzelne Freiheiten hören dort auf, wo andere tangiert werden. Das müssen Jugendliche lernen.

Wann ist kurz zu kurz?
Früher war ein knielanger Rock schon fragwürdig, und heute ist es okay, wenn die Pobacken und die Schamgrenze noch verdeckt werden. Es macht auch einen Unterschied, ob ich mich im Ausgang oder im Büro befinde. Eine objektive Definition für alle Zeiten ist unmöglich.

Kleidervorschriften bewegen auch unsere Leser, wie hunderte Kommentare zeigen. Wieso?
Kleidungsvorschriften scheinen in uns etwas zu zünden. Das hat viel mit dem vorherrschenden Individualismus und dem Anspruch auf persönliche Freiheiten zu tun. Aber wir sind auch Gruppenwesen. Die Meinung der anderen ist uns wichtig, wir wollen auch dazugehören. Die Burka ist für mich ein ähnliches Thema. Ich finde, man muss das Gesicht eines anderen sehen können. Es gibt auf beide Seiten Grenzen, die wir als Wertegemeinschaft finden: Das geht und das geht nicht. Sowohl was die Verhüllung als auch was die Freizügigkeit betrifft.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mmms am 13.06.2018 06:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    passende Kleidung

    Sehr interessante Sichtweise von Frau Biswanger. Ich stimme ihr zu. Irgendwo hört die persönliche Freiheit auf. Manche kleiden sich in der Schule, als kämen sie direkt aus dem Club....

    einklappen einklappen
  • Bear1 am 13.06.2018 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmmm

    So was ist nötig, wenn sich ein paar Mädchen anziehen wie käufliche Damen. Wenn die Erziehung zuhause nicht statt findet muss hald die Schule einschreiten.

  • Mutter am 13.06.2018 06:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ganz klar,

    ich würde meine Tochter schon gar nicht so knapp bekleidet in die Schule lassen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Art. am 14.06.2018 16:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Urteil

    Schon wieder werden Kindern, schon in irgend welchen Berufen gesehen. Dass bei Vertragsabschluss über die Arbeitskleidung schon längst gesprochen und akzeptiert wurde, scheint vergessen. Nach den Arbeitszeiten, darf niemand andere bevormunden, verurteilen, zu degradieren versuchen oder gar Belästigen aufgrund Kleidung, nur damit die eigenen Genitalien kontrollieren zu können. Das soll dann aber nicht mal in der Schule verlangt werden dürfen?

  • WaleLi am 14.06.2018 08:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bereits im Kindergartenalter

    Schon im Kindergartenalter detaillierter Sexualkunde Unterricht und andererseits wegen ein bisschen nackter Haut ein solches Zettermordio, da komme ich micht mehr draus.

  • Trendi am 13.06.2018 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trick 77

    Ganz einfach zu ungehen: wir hatten immer eine grössere Tasche dabei und sobald wir zu Hause oder in der Schule ausser Haus waren uns im nächsten Treppenhaus umgezogen. Klappte immer hervorragend

  • F.W. am 13.06.2018 20:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kleidervorschriften für alle

    Das Vorgehen der Schule mag streng sein, jedoch hat jeder auch im Berufsleben Kleidervorschriften. Wie ich als Privatperson in meiner Wohnung mich kleide ist eine Sache, im der Öffentlichkeit hat das auch etwas mit Respekt und Anstand zu tun. Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft und da geht es auch darum junge Menschen vor unangenehmen Folgen zu schützen Kleidervorschriften für alle Schülerinnen und Schüler

  • E.S. am 13.06.2018 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Druck und Vorschriften ist falsch

    Es ist normal, dass Jugendliche gerne mit ihrer Kleidung auffallen möchten. Wir waren auch mal Jung. Hippiezeit, lange Haare, Punk und laute Musik. Meine Mädchen durften schon als sie klein waren anziehen was ihnen gefiel. Ich habe sie sanft geführt, ohne das sie es wirklich mitbekommen haben und auch über deren Wirkung mit ihnen gesprochen ohne was zu verbieten. Ich habe nichts gegen bauchfrei oder kurze Hosen. Und komischerweise hatten meine Mädchen nie das Bedürfnis sich freizügig zu kleiden. Jeans und T-Shirt in der Regel und gut war.