«Modedroge» und «Religion»

17. Mai 2018 18:46; Akt: 18.05.2018 13:04 Print

«Eine Jahresration Vitamin D gibts für 2 Franken»

von Sandro Büchler - Wenig Sonne in den Wintermonaten ist für viele ein Grund, mit hoch dosierten Vitamin-D-Präparaten nachzuhelfen. Das kann aber zu einer Überdosis führen.

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Vitamin D ist wichtig für eine gesunde Knochen- und Zahnbildung. Wenn die Haut der Sonne ausgesetzt wird, produziert der Körper eigenes Vitamin D. Die ungenügende Sonneneinstrahlung in den Wintermonaten führe bei 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung zu einer unzureichenden Vitamin-D-Versorgung, schreibt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.

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Vergiftung mit zu viel Vitamin D

Darum helfen viele in der kalten Jahreszeit mit Vitamin-D-Produkten nach. Doch es kann auch zu viel sein. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzte warnt vor gefährlichen Überdosierungen, wie die «Aargauer Zeitung» berichtet.

Die Ärzte beschreiben den Fall eines 60-Jährigen, der sich an einem hoch dosierten Vitamin-D-Präparat vergiftet hatte. Nach anfänglichem Schwindel, Kopfweh und Muskelschwäche versagten die Nieren. Heute sei der Mann deswegen Dialyse-Patient.

Kalkablagerungen im Körper

Laut Cornelia Reichert von Tox Info Suisse melden sich auch in der Schweiz immer wieder Personen nach der Einnahme einer zu hohen Dosis von Vitamin D. Doch eine einmalige hohe Dosis Vitamin D sei für gesunde Menschen in der Regel unbedenklich. Reichert erinnert sich an einen Telefonanruf, als ein Kind ein ganzes Fläschchen Vitamin-D-Tropfen geklaut und auf einmal getrunken hatte. «Es ist nichts passiert.»

Akute Symptome einer Überdosis können Übelkeit, Erbrechen und häufiges Wasserlösen sein. Hohe Dosen an Vitamin D über einen längeren Zeitraum führen jedoch zu einem hohen Kalziumspiegel im Blut. «Dadurch bilden sich Kalkablagerungen im Körper, die vor allem in den Nieren Schäden verursachen», sagt die Toxikologin.

Ungebrochene Nachfrage

Auch in der Schweiz boomt der Markt mit Vitamin-D-Produkten. «Hoch dosiertes Vitamin D ist im Internet günstig und einfach verfügbar», sagt Markus Gnädinger, Facharzt für Innere Medizin in Steinach. «Da finden sich Ampullen mit einer Jahresration Vitamin D drin – für gerade mal 2 Franken das Stück.» Eine hohe Nachfrage bemerkt auch Simone Kopf von der Bahnhof Apotheke Zürich: «Wir stellen einen steigenden Absatz von Vitamin-D-Präparaten in den letzten Jahren fest.»

Zudem werde Vitamin D viel häufiger verschrieben. «Viele Leute kaufen sich aber auch selbst Vitamin-D-Produkte, um etwas Gutes für ihre Gesundheit zu tun», sagt Kopf. Genaue Verkaufszahlen sind schwierig zu bekommen. Ein Indiz für die ungebrochene Nachfrage liefert der Februar des vergangenen Jahres: Wegen des trüben Winters waren in Schweizer Apotheken Vitamin-D-Tropfen teils ausverkauft.

Wissenschaftlich wenig erforscht

Vitamin D sei «zu einer Modedroge» geworden, sagt Christian Kretschmer vom deutschen Arzneimittelverzeichnis der «Aargauer Zeitung». Die «New York Times» bezeichnet den Hype um Vitamin D gar als eine «neue Religion». Für Markus Gnädinger weckt Vitamin D zu viele Hoffnungen: «Viele lesen in Internetforen von wahren Erfolgsgeschichten mit einer hoch dosierten Vitamin-D-Zufuhr – gar von Wunderheilungen.»

Doch der Nutzen von zusätzlichem Vitamin D ist wissenschaftlich wenig erforscht. Laut Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich, gebe es Hinweise, dass Vitamin D verschiedene Organfunktionen positiv beeinflusst und damit das Sterblichkeitsrisiko senkt. Wissenschaftlich erhärtet ist dies jedoch nicht. Belegt ist hingegen, dass eine Behebung des Vitamin-D-Mangels bei Senioren dem Risiko von Stürzen und Osteoporose vorbeugt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bubi am 17.05.2018 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein guter Bericht

    spannend währe zu wissen wieviel die richtige tägliche Dosis ist, anstatt darauf rumzuhacken weil ein paar Doofe sich eine Jahresdosis reinhauen.

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  • huwi am 17.05.2018 19:00 Report Diesen Beitrag melden

    arme Menschheit

    Manchmel frage ich mich schon, wie die Menschheit zehntausende Jahre überleben konnte, als es all die Päparate noch nicht gab!

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  • Pit Z. am 17.05.2018 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ersatz Sonne

    Fehlt die Antwort. Vitamin D nur in den Winter Monaten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • T. am 18.05.2018 19:33 Report Diesen Beitrag melden

    Vit. D

    Vitamin D muss mit der Nahrung zuerst aufgenommen werden. Die Sonne einerseits und unsere Nieren andereseits aktivieren dann den Prozess, damit das Vit. D in unsere Blutbahn gelangt. In diesem Artikel könntte man meinen, die Sonne führe uns quasi Vit. D zu, das ist so nicht ganz korrekt.

  • Köbi Kuhn am 18.05.2018 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Boulevardzeitung

    Mich verwundert es immer wieder, wie alle von einer Boulevardpresse vernünftige, wahrheitsgetreue und informative Artikel erwarten.

  • Heidi am 18.05.2018 17:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vitamin K2

    Wird vor allem von Darbakterien gebildet. Kombucha, Kefir, Saure Milch und co. reichen. Damit muss man zu Vitamin D3 wenn normal dosiert gar nix zusätzliches machen. Gruss an alle

    • Walter Hechtler am 18.05.2018 19:36 Report Diesen Beitrag melden

      Nein Danke

      Waeeehhh Saure Milch und Kefir....jetzt aber? Sind wir im Busch?

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  • Reichenbach Ursula am 18.05.2018 16:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Halbwissen...

    Macht euch schlau! Vitamin D3 hochdosiert nur mit Vitamin K2, dann wird das Kalzium auch in die Knochen eingebaut und bleibt nicht in den Adern.

  • Fridolin Rüedisüli am 18.05.2018 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Vit. D3 und K2

    Wieso verschweigt Ihr, dass diese Symptome aufgetreten sind, weil der Kunde/Patient Vit D3 ohne Vit K2 eingenommen hat? Wieso verschweigt Ihr komplett, dass das Vit K2 zwingend mit Vit D3 eingenommen werden muss? Erst dann, kann das zusätzliche aufgenommene Calzium vom Körper von den Weichteilen befreit und in das Skelett und Zähnen eingebaut werden. Gerne möchte ich Wissen, wer der Auftraggeber für diesen Artikel ist. ich bin überaus gespannt, ob das was ich jetzt geschrieben habe, überhaupt auch publiziert wird? mfG