Prozess Rupperswil

14. März 2018 05:46; Akt: 14.03.2018 09:05 Print

Sechs offene Fragen im Fall Thomas N.

Beim Prozess um den Vierfachmörder Thomas N. sind diverse Fragen offen. Der ehemalige Kriminalkommissär Markus Melzl beantwortet die wichtigsten.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Melzl*, die Anklageschrift enthält viele detailreiche Schilderungen darüber, wie Thomas N. bei der Tat vorgegangen sein soll. Einige Informationen stammen wohl von ihm selbst. Kann man diesen überhaupt Glauben schenken?
Man muss es kriminalistisch sagen: Thomas N. ist der einzige Tatzeuge. Nur er kann den Ermittlern mitteilen, was am Tag seiner Tat genau passiert ist. Die Behörden und die forensischen Psychiater wissen natürlich genau, dass ein solcher Täter bereit ist, sie zu manipulieren. Aber bis jetzt lässt sich noch nicht einschätzen, ob sich Thomas N. in der Täter-Rolle gefällt und die Details ausschmückt. Aber die Taten, die er begangen hat, lassen sich nicht einfach wegleugnen.

Wie gehen die Angehörigen der Opfer mit dem Detailreichtum der Tat um, der in der Anklageschrift offengelegt wird?
Das ist für Angehörige natürlich sehr schmerzhaft. Eine Gerichtsverhandlung ist für viele Angehörige eine traumatische Erfahrung, die verarbeitet werden muss. Manche entscheiden sich, dieses Trauma zu bewältigen, indem sie vor Ort den Prozess mitverfolgen. Andere ziehen sich zurück und wollen möglichst nichts davon mitkriegen. Dabei gibt es aber kein richtig oder falsch.

Wie wahrscheinlich ist eine Verwahrung?
Eine lebenslängliche Verwahrung setzt die Untherapierbarkeit des Täters voraus. Bis jetzt haben ihm aber beide Gerichtspsychiater eine gewisse Therapierbarkeit zugesprochen. Eine lebenslängliche Verwahrung wird es darum wohl nicht geben. Ob eine ordentliche Verwahrung ausgesprochen wird, zeigt sich spätestens bei der Urteilsverkündung.

Kann man einen solchen Täter überhaupt jemals wieder freilassen?
Die Angehörigen der Opfer hätten es natürlich am liebsten gehabt, wenn er lebenslänglich weggesperrt worden wäre. Da habe ich natürlich grösstes Verständnis dafür. Aber jetzt, da die lebenslängliche Verwahrung wahrscheinlich vom Tisch ist, muss man sich die Frage stellen, was passiert, wenn er entlassen wird. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Zuerst muss er seine Strafe absitzen und dann folgt eine mehrjährige Therapie, die greifen muss.

Thomas N. wurde vor seiner Verhaftung 72 Stunden lang beschattet. Währenddessen beobachtete er bereits ein nächstes mutmassliches Opfer. Wieso erfolgte der Zugriff der Behörden nicht sofort?
Aus taktischen Gründen wird man das wahrscheinlich nie erfahren. Aber auch wenn die Behörden mitteilen, dass sie ihn 72 Stunden vorher überwacht haben, heisst das nicht, dass die polizeiliche Überwachung bis zum Zeitpunkt dauerte, als er in Solothurn ein Haus betreten wollte.

Er sagte, er sei bei diesem Vorfall nur auf Geld aus gewesen. Ist das glaubhaft?
Hinter diesen Aussagen von Thomas N. mache ich als ehemaliger Kriminalkommissär ein grosses Fragezeichen. Um einen Raub zu begehen, braucht man kein Sexspielzeug. Aber genau das hatte er sich im Rucksack bereits zurechtgelegt. Da hat er sich in einen Widerspruch verstrickt.

*Markus Melzl ist ehemaliger Kriminalkommissär und ehemaliger Staatsanwalt des Kantons Basel-Stadt.

(dk)