Amokrentner Kneubühl

24. Oktober 2017 13:28; Akt: 24.10.2017 13:59 Print

«Sie fixierten mich auf dem Bett»

Der «Amokrentner von Biel» sitzt seit sieben Jahren in Haft. In einem Interview äussert Peter Hans Kneubühl schwere Vorwürfe gegen die Behörden.

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Peter Hans Kneubühl beim Prozessauftakt: Der Rentner hatte in Biel einem Polizisten in den Kopf geschossen. (7. Januar 2010) Als wäre er selber der Gutachter: Peter Hans Kneubühl (links) stellt im Gerichtssaal einem Polizisten Fragen zum Einsatz am 8. September 2010. (7. Januar 2013) Vor Beginn der Nachmittagsverhandlung jubelt Peter Hans Kneubühl den Fotografen und Kameraleuten zu. (7. Januar 2013) Philipp Kunz, Kneubühls Anwalt, steht den Journalisten Rede und Antwort. (7. Januar 2013) Das Gericht in Biel: Hier findet der Prozess gegen den Rentner statt. Beim Prozess geht es vor allem um die Frage, ob er schuldfähig ist. Peter Hans Kneubühl auf dem Weg zum Prozess. Der Prozess stösst auf ein riesiges Medieninteresse. Rund dreissig Medienschaffende aus der ganzen Schweiz verfolgten am Montag in Biel den Prozessauftakt. Am 8. September war ein Besichtigungstermin im Haus von Peter Hans Kneubühl vorgesehen, das Ende Monat auf Geheiss eines Zivilgerichts versteigert werden soll. Das Inserat zur Versteigerung der Liegenschaft von Kneubühl. Doch der 67-Jährige verbarrikadiert sich am Mon-Désir-Weg 9 im Lindenquartier und schiesst im Verlauf der Nacht auf die Polizei, wobei er einen Beamten der Berner Kantonspolizei schwer verletzt. Die Polizei schickte ein Grossaufgebot in das Bieler Wohnquartier. (8. September 2010) Die unmittelbare Nachbarschaft wurde abgesperrt: Im Bild der Mon-Désir-Weg. Die Aufregung war gross: Polizeisprecher François Gaudy informierte kurz nach der Tat die Medien. Spezialeinheiten vor Ort: Nachdem der 67-jährige Mann in der zweiten Nacht einen Schuss abgab, wurden die Sicherheitsvorkehrungen massiv erhöht. Polizeigrenadiere der Einsatzgruppe Diamant der Zürcher Kantonspolizei rückten ebenfalls in Biel an. (9. September 2010) Kneubühl taucht unter, gibt aber in der Nacht erneut Schüsse ab. Nach Einschätzung der Polizei besteht für die Bevölkerung keine unmittelbare Gefahr. Im Bild: Ein Jugendlicher spricht mit Polizeikräften im Lindenquartier. (10. September 2010) Polizisten bewachten die Gegend um das Haus im Bieler Lindenquartier. Stefan Blättler, Kommandant Kantonspolizei Bern, informierte täglich über den aktuellen Stand der Grossfahndung. Eine von mehreren Pannen: Die Polizei liess irrtümlicherweise fünf Tage lang mit diesem Bild nach dem flüchtigen Kneubühl fahnden. Im Bild ist jedoch der Vater von Kneubühl in den 1980ern. Heimwerker Peter Hans Kneubühl, aufgenommen 2003. Ein Bild von Peter Hans Kneubühl aus dem Jahr 2000. Das Bild wurde von der Polizei aber erst Tage nach der Flucht veröffentlicht. An Tag fünf wendet sich ein im Ausland lebender Bekannter namens Bobi mit einem Appell an Kneubühl. Das Schreiben wird an verschiedenen öffentlichen Plätzen in und um Biel aufgehängt. Tags darauf startet die Polizei eine Flugblatt-Aktion – und tappt weiterhin im Dunkeln. (12. September 2010) «Catch me if you can»: Ein Polizeifoto Kneubühls wird zum T-Shirt-Motiv. In Biel treffen sich rund zwanzig Menschen zu einer Unterstützungskundgebung für den flüchtigen Rentner, die einen Notausgang für ihn fordern. (13. September 2010) Laut Polizei hat Kneubühl «mit einer unglaublichen Perfektion sämtliche Eventualitäten seines letzten, bewaffneten Konflikts mit den Behörden geplant.» Bei einer Hausdurchsuchung findet die Polizei eine Armbrust... (14. September 2010) ...und mehrere Faustfeuerwaffen mit der entsprechenden Munition. Ob die Waffen registriert sind, ist zu dem Zeitpunkt nicht bekannt. (14. September 2010) Räumungsaktion: Zügelwagen beim Haus von Peter Hans Kneubühl (16. September). Die Behörden informierten am 16. September nochmals und verteidigten die Arbeit der Polizei. Auf dem Bild: Barbara Schwickert, Sicherheitsdirektorin Stadt Biel, Hans-Jürg Käser, Polizei- und Militärdirektor Kanton Bern, und Stefan Blättler, Kommandant Kantonspolizei Bern (v.r.). Am Tag 10 gelingt es einem Polizeihund den Rentner in der Nähe der Taubenlochschlucht zu fassen. In der Nähe der Alterssiedlung und des Bauernhofes Falbringen in Ried ist Peter Hans Kneubühl am Freitagmorgen um 6.09 Uhr gefasst worden.

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Peter Hans Kneubühl hat im Jahr 2010 als «Amokrentner von Biel» für Schlagzeilen gesorgt: Er verbarrikadierte sich in seinem Haus, schoss auf Einsatzkräfte und hielt die Polizei während seiner zehntägigen Flucht auf Trab. Das Gericht hat ihn als schuldunfähig eingestuft und ordneten eine stationäre Therapie an. Im Gefängnis hat er dem «Bieler Tagblatt» (Artikel ist kostenpflichtig) ein Interview gegeben.

«Ich bin in einer Einzelzelle, weil ich allein sein will», sagt er. «Jeden Tag kann ich eine Stunde in einem kleinen Innenhof auf dem Dach spazieren gehen.» Diese Zeit nutze er für Gespräche, sie seien der Höhepunkt des Tages. «Momentan bin ich der einzige Schweizer in der Gruppe.» Er versteht sich als Ratgeber und helfe den anderen, vor allem bei Sprachproblemen.

Zwei Deziliter Wasser pro Tag

Mehrmals ist Kneubühl in den Hungerstreik getreten. Er bezeichnet sich selbst jedoch nicht als «Selbstmordkandidaten». Sein Ziel: Er wollte zurück in das Regionalgefängnis Thun.

In der Justizvollzugsanstalt Thorberg hörte er das erste Mal auf zu essen. Während zwanzig Tagen trank er nur einen bis zwei Deziliter Wasser pro Tag. Die Betreuung während seines Hungerstreiks beschreibt Kneubühl als «relativ gut». «Man liess mich nicht einfach so verrecken.»

Als er zu schwach wurde, kam er ins Inselspital. Nach mehreren Tagen Behandlung wurde er in eine geschlossene Abteilung der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD), die Akutstation Etoine, verlegt.

«Sie hielten mich an Armen und Beinen»

Kneubühl erhebt schwere Vorwürfe: Das Amt für Justizvollzug (AJV) habe angeordnet, ihm zwangsweise Psychopharmaka zu verabreichen. «Sicherheitsleute packten mich, hielten mich an Armen und Beinen und fixierten mich auf dem Bett.» Ärzte hätten ihm eine Infusion gesteckt, um ihn mit den Medikamenten zu versorgen. Tatsächlich liegen der Zeitung Dokumente vor, in denen von einer «ärztlichen Behandlung ohne Zustimmung des Patienten» die Rede ist.

Das AJV will die Äusserungen nicht im Detail kommentieren. «Die im Interview gemachten Aussagen entsprechen den persönlichen Erinnerungen und Einschätzungen von Herrn Kneubühl, die sowohl vom AJV als auch von den UPD zur Kenntnis genommen wurden.» Wie das «Bieler Tagblatt» schreibt, ist die zwangsweise Verabreichung von Psychopharmaka unter Juristen umstritten.

Nach dem insgesamt dritten Hungerstreik befindet sich Peter Hans Kneubühl im Regionalgefängnis Thun. Er verweigert jegliche Therapie. Eine Freilassung ist deshalb bis auf Weiteres nicht in Sicht.

(woz)