Interview mit Al Gore

09. Oktober 2017 18:38; Akt: 09.10.2017 18:38 Print

«Es wird schwieriger, ein Klima-Leugner zu sein»

von Gaudenz Looser - Ex-US-Vizepräsident Al Gore tritt mit einem zweiten Film gegen den Klimawandel an. Und er zeigt sich dabei erstaunlich siegesgewiss.

Al Gore bei der Schweiz-Premiere seines neuen Filmes «An Inconvenient Sequel». (Video: 20 Minuten)
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Herr Gore, wird es von Ihnen noch einen dritten Film zum Klimawandel geben?
Nun, im Moment freue ich mich über den Launch des zweiten Films in der Schweiz. Und hoffentlich werden in zehn Jahren so viel Fortschritte gemacht, die Klimakrise zu bewältigen, dass niemand einen dritten Film erwartet.

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Das glauben Sie nicht wirklich – oder sind Sie so optimistisch?
Ich bin sehr optimistisch. Natürlich wird es Zeit brauchen, um das zu lösen. Aber ein berühmter Ökonom sagte einmal, die Dinge brauchen länger, um zu passieren, als man erwartet, aber dann passieren sie viel schneller, als man denkt. Und das wird auch das Muster zur Lösung der Klimakrise sein.

Was genau stimmt Sie zuversichtlich?
Seit meinem ersten Film haben sich zwei Dinge verändert: Erstens passieren extreme Wetterereignisse viel häufiger – wie etwa in der Schweiz die Tragödie von Bondo vor einigen Wochen. Und zweitens haben wir die Lösungen: Der technische Fortschritt bei der Solar- und Windenergie, bei Akkumulatoren und Elektroautos ist viel schneller fortgeschritten, als das irgendwer erwartet hätte.

Die Botschaft Ihres Films ist erschütternd, aber mit der Lebenswelt Ihrer Zuschauer eigentlich gar nicht kompatibel. Wir werden deswegen nicht auf unsere halbjährlichen Asien-Ferien verzichten.
Wir alle leben in einem System, das zu 80 Prozent auf fossilen Energien beruht. Dieses System zu verändern ist schwer. Aber es ist bereits daran, sich dramatisch zu verändern. Indien hat gerade angekündigt, dass in nur 13 Jahren alle neuen Fahrzeuge elektrisch sein müssen. General Motors setzt nur noch auf elektrisch. Die fossile Energieproduktion ist am Kollabieren. Die Marktkapitalisierung der Kohleindustrie ist in den letzten 10 Jahren um 90 Prozent abgestürzt.

Das heisst?
Wir sehen also dramatische Veränderung. Jobs in der Solarindustrie wachsen 17-mal schneller als alle anderen. Der am schnellsten wachsende Beruf ist der Windturbinentechniker. Wir haben Wirtschaftswachstum von Emissionen entkoppelt. Wir stehen am Anfang einer globalen Nachhaltigkeitsrevolution, die das Ausmass der industriellen Revolution hat, aber das Tempo der digitalen Revolution. Diese Revolution schafft Jobs und erhöht Lebensstandards. Der Schwierigkeitsgrad dieses Wandels wird immer kleiner – und es wird immer schwieriger werden, sich nicht zu verändern.

Als zwei der besten Dinge, die man für das Klima tun kann, gelten keine Kinder zu haben und nicht zu fliegen. Wie wollen Sie das anpacken?
Nun, die Geburtenrate nimmt nicht nur in Europa dramatisch ab. Auch in Ländern mit hohem Bevölkerungswachstum ist ein Trend hin zu kleineren Familien sichtbar. Mit Bildung, Stärkung der Frauen und verfügbaren Verhütungsmethoden kann man das befördern. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die sich hier entfaltet. Bei der Luftfahrt- und der Schifffahrtindustrie sind technische Lösungen noch nicht in Griffnähe, es gibt aber vielversprechende Ansätze. Und man kann die Flüge auch mit Geld CO-2-kompensieren, einfach oder doppelt.

In Ihrem Film streifen Sie kurz das Thema schmutziges Lobbying gegen alternative Energien. Gibt es eine Verschwörung zum Machterhalt fossiler Energien?
Ich würde das Wort Verschwörung nicht benutzen, aber ja, im Prinzip gab es eine. Im berühmten Buch «The Merchants of Doubt» dokumentieren Wissenschaftler detailliert, wie viele der grössten CO-2-Vergifter ganz bewusst das Prinzip der Tabakindustrie kopierten, und verhinderten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in falsche Zweifel gezogen wurden und politisch notwendige Massnahmen um Jahrzehnte verzögerten. Aber wissen Sie, es wird immer schwieriger, ein Klima-Leugner zu sein, seit sich Mutter Natur mit ziemlich überzeugenden Argumenten in die Debatte einschaltet.

Wie mächtig ist diese Industrie noch?
Nun, in den USA ist sie noch sehr stark, aber ihr Einfluss schwindet. Investoren merken, dass sie Gefahr laufen, sogenannte «stranded assets» zu halten. Als Anlagen, die plötzlich ihren Wert verlieren könnten. Deshalb sind die Investoren nicht nur aus der Kohle ausgestiegen, sondern auch aus dem Ölschiefergeschäft, manche sogar aus dem Erdöl- und Erdgas-Business.

Das bringt uns zum Abschlussabend des Zürcher Filmfestivals: Einige Aktivisten der Divestment-Bewegung haben versucht, ein Transparent gegen den Festival-Sponsor Credit Suisse aufzuhängen wegen dessen Investments in fossile Energien. Haben Sie die bemerkt?
Nein, ich habe sie nicht gesehen. Ich unterstütze Divestment aktiv. Ich respektiere diese Leute zutiefst und teile die meisten ihrer Ansichten. Aber ich habe eine andere Rolle.

Heisst das, Sie teilen auch die Kritik an Banken, die weiterhin in fossiler Energie investiert sind?
Ich warne Finanzfirmen, dass sie mit solchen Investitionen Gefahr laufen, ihre Geld zu verlieren. Und sie sollen auch die Konsequenzen in Betracht ziehen, die sich aus der Unterstützung solcher Aktivitäten ergeben. Aber ich denke, das ist bereits im Gange in der globalen Finanzindustrie.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Claus Koch am 09.10.2017 18:53 Report Diesen Beitrag melden

    Klima-Leugner...

    ...sagte Herr Gore und stieg in seinen Privatjet, um in seinem Ferienhaus auf den Bahamas ein paar Tage zu entspannen, bevor er zur nächsten Klimakonferenz jettet, um die Welt zu retten.

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  • Arbeiter am 09.10.2017 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abzocke

    Kein Mensch leugnet die Erwärmung der Erde, nur dumm dass dieser Planet sich immer mal wieder erwärmt hat ob mit oder ohne Menschen. Hauptsache der Staat und ein paar Auserwählte verdienen daran und wir bezahlen es.

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  • Roli W am 09.10.2017 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mensch und Natur

    ...und da gab es in den Siebzigern noch den Film "Soylent Green...". Sehr eindrucksvoll und zum Nachdenken anregend, heute noch.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • M.N.Z. am 10.10.2017 23:34 Report Diesen Beitrag melden

    Erderwärmung Vortrag Gore

    Einfach höhere CO 2 Abgaben und die Klimaerwärmung ist gebannt. Flugitiket teurer, Die Behörden und solche wie Herr Gore haben ja ihre eigenen Jet. Alles muss auf dem Rücken des Bützers abgerechnet werden. Da sehe ich Filme im Fernseher von X Millionen Jahren zurück, wie die Erde entstand und Hitze sowie Kälte den Planet veränderte. Ohne Auto und Wohlstand alles fand statt. Warum forscht denn die Wissenschaft nach der Entstehung der Erde, wenn wir diese mit ein paar Grad Wärme zerstören können. Es dreht sich alles nur ums Geld! Geld regiert die Welt!

  • mimi am 10.10.2017 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    aha!

    letztens ist in GR ein pistenbulli aufgetaucht der verschollen war, ist ja auch ein beweis dafür, dass es mal wärmer war. klimawandel ja, aber der ist nicht menschen gemacht.

  • D.Weiss am 10.10.2017 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch so

    Alle hier am diskutieren, ob wir Einfluss auf die veränderung haben oder nicht. Es ist doch sinnvoll weniger fossile Brennstoffe zu verwenden, egal weshalb?

  • Ruedi O am 10.10.2017 18:22 Report Diesen Beitrag melden

    Glaubwürdig?

    Al Gore ist der Klimawandel-Papst der ersten Stunde. Was kann man erwarten, wenn er wieder einen Film bringt zum Thema? Richtig, das was man auch von allen US-Medien erwarten muss: Propaganda. Schliesslich ist Al Gore, ehem. Präsidentschaftskandidat, Teil des Establishments. Und natürlich von der sogenannten "Demokratischen" Partei. Für mich unglaubwürdig.

  • Nachbar am 10.10.2017 18:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nachbars joke

    Mein Nachbar richtig ruft an den öffentlichen Festen immer mal wieder in die Runde: Hängt die Grünen auf, solange es noch Bäume hat. Unglaublich die verschiedenen Reaktionen.