An der Grenze zu Syrien

07. Mai 2016 23:36; Akt: 07.05.2016 23:36 Print

Das harte Leben der israelischen Cowboys

von A. Heller / A. Schalit, AP - Sie haben ihr Handwerk bei Ranchern in Montana gelernt. Doch am Golan sieht das Leben der israelischen Hirten ganz anders aus.

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Breitkrempiger Hut, Jeans, verzierter Gürtel - Jehiel Alon scheint direkt aus einem Western entstiegen zu sein. Und in der Tat hat der 53-jährige israelische Cowboy sein Handwerk in Montana gelernt. Doch arbeitet er inzwischen auf den israelisch besetzten Golanhöhen im Grenzland zu Syrien. Mit dem Bürgerkrieg drüben und der massiven israelischen Militärpräsenz in seinem Revier bekommt der aus dem Wilden Westen bekannte Begriff des Frontier Life eine ganz eigene Bedeutung.

«Das ist hier vielleicht die einzige Gegend, in der du Kühe neben Panzern sehen kannst», sagt er mit einem Grinsen und einer Zigarette im Mundwinkel. Idyllisch haben es die knapp 100 Cowboys von Kidmat Zvi nicht gerade. Alon und seine Kollegen müssen die Rinder vor teilweise seit Jahrzehnten vergrabenen Minen bewahren und verhindern, dass sie in Militärstützpunkte marschieren oder auf Schiessplätzen weiden.

Weiden während eines Manövers

Trotz des Kontrasts von Panzern und Kühen, trotz der vielen Manöver mit scharfer Munition: Das Landleben hier hat eine friedliche Anmutung inmitten des unter Hochspannung stehenden Nahen Ostens. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat erst kürzlich bekräftigt, dass Israel für immer die im Sechstagekrieg 1967 von Syrien eroberten Golanhöhen behalten wolle. Ein israelischer Abzug von dem strategisch immens wichtigen Höhenzug galt einst als Schlüssel zu einem Nahost-Frieden.

Kürzlich trieben Alon und drei weitere Cowboys rund 650 Rinder während eines israelischen Manövers zusammen, bei dem Kampfhelikopter über ihnen hinwegflogen und aus der Entfernung Gefechtslärm zu hören war. Nur ein Höhenzug trennt ihr Weideland von der wirklichen Bedrohung — dem syrischen Bürgerkrieg. Immer wieder schlagen Irrläufer auch auf israelisch kontrolliertem Gebiet ein.

Der Krieg auf der anderen Seite ist aber nicht mehr als Hintergrundlärm bei ihrer Arbeit, sagen die Cowboys. Und Netanjahu habe mit seinem ewigen Anspruch auf den Golan auch nur bekräftigt, was offenkundig sei: Dass sie von hier nicht mehr wegziehen werden. Sie hüten hier die wichtigste Quelle für die Rindfleischversorgung Israels. Und dafür nehmen sie es in ihrem Alltag mit zahlreichen Herausforderungen auf.

Kühe vor Minen schützen

Zunächst einmal ist ihr Weidegebiet relativ klein, verglichen mit den Prärien in den USA. Entweder bewegen sie sich in militärischen Zonen oder in Naturschutzflächen - was bedeutet, dass sie ständig mit Behörden ihre Arbeit koordinieren müssen. Im Sommer sind sie in erster Linie Feuerwehrleute, die von unvorsichtigen Ausflüglern und Militärmanövern verursachte Brände löschen. Immer wieder müssen sie Kühe töten, die auf Minen getreten und schwer verletzt worden sind. Und hin und wieder müssen sie sich mit vollem Körpereinsatz in Lücken von Militärzäunen stellen, um ihre Tiere aus gefährlichem Gebiet fernzuhalten.

«Manchmal kann man sich gar nicht auf die Kühe konzentrieren, weil so viel anderes um uns los ist», sagt Schaj Serbib. Auch der 43-Jährige hat US-Erfahrung:Er hat früher als Cowboy in Texas und New Mexico gearbeitet.

Dem drusischen Cowboy Wafik Adschami geht der Krieg in Syrien persönlich näher als den anderen. Er hat Verwandte auf der anderen Seite. Der 54-Jährige lebt an der Grenze und hat sein eigenes Vieh schon mehrfach vor Geschossen retten müssen. «Erst vermutete ich Brandstifter und schrie, da steckt jemand das Feld in Brand», erinnert er sich an eine Situation. «Dann sah ich plötzlich die Mörsergranaten einschlagen.»