Projekt 2700 Zürich–Moskau

25. September 2017 10:52; Akt: 26.09.2017 16:29 Print

«Ich bin in einer Art Trance»

von Jürg Hösli - 2700 Kilometer drückt Jürg Hösli in die Pedalen seines Rennrades bis nach Moskau. Nicht nur die Beine, auch der Kopf ist mitentscheidend, ob das Projekt gelingt.

Auf seiner 2700 Kilometer langen Fahrt nach Moskau ist Ernährungsdiagnostiker und Kolumnist Jürg Hösli in einer Art Trance (Video: Demateo).
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Rund 100 Stunden reine Fahrtzeit braucht Jürg Hösli noch, bis er mit seinem Bike den Roten Platz in Moskau erreicht. Bei diesen Distanzen geht das Gefühl für Raum und Zeit vollkommen verloren. Die technischen Hilfsmittel, wie zum Beispiel der Radcomputer, werden zur spannenden Unterhaltungsquelle: Die zurückgelegte Distanz, die aktuelle und durchschnittliche Geschwindigkeit, die Fahrzeit und die kumulierten Höhenmeter.

In den letzten Tagen hat Hösli sein Team häufiger darum gebeten, ihm die gesamte zurückgelegte Strecke auszurechnen, die Gesamtzahl Stunden auf dem Rad und die Anzahl Pedalumdrehungen seit dem Start auf dem Paradeplatz in Zürich anzugeben. Der Kopf sucht immer mal wieder nach Beschäftigung.

Endlose Strassen, konstanter Gegenwind

Die lange Zeit auf dem Rad ist auch geprägt von Langeweile und Einsamkeit. Seit der Grenze zu Russland ist es immer dieselbe Schnellstrasse geradeaus bis Moskau. Auf den langen, endlos erscheinenden Strassen gibt es keine Abwechslung. Konstant bleibt auch der hartnäckige Gegenwind. Seit vier Tagen macht er das Vorankommen auf dem Rad noch anstrengender und zehrt an den Kräften.

Da hilft nur noch eines: Abschalten und das Beste sehen – das Vorwärtskommen Meter für Meter näher ans Ziel. Zeitweise blendet Hösli deshalb alles aus und fährt bildlich gesprochen im Tunnel. Es gibt Momente, in denen er nicht mehr ansprechbar ist, die Gespräche der Begleitcrew ausblendet und nicht mehr reagiert. Er konzentriert sich nur noch auf das Wesentliche: Der weissen Linie am Boden folgen und abwechselnd links und rechts in die Pedalen treten.

«Ich nehme die Umgebung nicht wahr»

Hösli beschreibt das so: «Da sehe ich nur noch Asphalt, folge der Linie, die mich Richtung Moskau führt. Ich nehme nichts mehr von der Umgebung wahr, ausser Gerüche und Geräusche. Meist ist es der Lärm der vorbeibrausenden Lastwagen. Ich rieche den alten Diesel der Fahrzeuge oder wenn ich Glück habe auch mal das frisch gefällte Holz auf den Schwertransportern. Es ist eine Art Trance. Nur noch wenige Gedanken, die kreisen.»

Trotz der Tiefs will Hösli immer positiv bleiben. Sein Wille ist stark. Er versucht immer, das grosse Ganze zu sehen. Er weiss, dass sein Vorhaben funktioniert und die Crew alles im Griff hat. Das gibt ihm die nötige Sicherheit, um zu fokussieren. Er kann sich darauf konzentrieren, mit jeder Pedalumdrehung näher ans Ziel zu fahren.

Moskau ist zum Greifen nah

Die Begleitcrew kümmert sich um Pausen, Verpflegung, technisches Material, Unterkünfte und weiteres. Der Mann am Steuer des Begleitautos schirmt Jürg von heranbrausenden Lastwagen ab, während die beiden Frauen Hösli per Headset-Funk bei Laune halten.

Das alles hat dazu beigetragen, dass schon der Endspurt ansteht. Noch rund 170 Kilometer sind es am letzten Tag. Für Hösli fühlt sich das inzwischen wie eine kleine Sonntagsausfahrt an. Die Kür für die geleistete Arbeit, für die Schmerzen, die Entbehrungen.

Diese Kilometer werden spannend: Wie die Verkehrssituation in der 12,5 Millionen Einwohner grossen Hauptstadt Moskau wird, ob Hösli auf dem Rad auf den gut bewachten Roten Platz fahren kann und welche Emotionen ihn übermannen.