Lange Arbeitstage

13. Februar 2018 20:01; Akt: 13.02.2018 20:01 Print

«Ziehe ich sie nicht ein, sind die Überstunden weg»

von Dominic Benz - Angestellte arbeiten zu viel. Ein Experte gibt seine Einschätzung zu den Erfahrungsberichten der 20-Minuten-Leser.

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Die Schweizer schuften, was das Zeug hält. Laut Studien wird in keinem anderen EU-Land mehr gearbeitet. Dabei sind viele Angestellte fast täglich länger im Einsatz als vertraglich vereinbart. Auf die Dauer ist das ungesund. «Alles über einer 39-Stunden-Woche kann Sie umbringen», sagt der Wirtschaftswissenschaftler Peter Fleming von der University of London in einem Interview mit der «Welt» (Artikel zahlungspflichtig).

20 Minuten hat die Leser gefragt, wie viele zusätzliche Stunden sie arbeiten müssen. Roger Rudolph, Experte für Arbeitsrecht an der Universität Zürich, gibt seine Einschätzung zu den Erfahrungsberichten.

• «Täglich mache ich 3,5 Stunden Überstunden»
Robert L.: Ich arbeite als Servicemonteur im Aussendienst bei einer Schweizer Strom-Firma. Unsere Projekte sind meistens im Ausland und dauern bis zwei Monate. Täglich mache ich 3,5 Stunden Überstunden. Laut Arbeitsvertrag habe ich eine 40-Stundenwoche. Die Überstunden werden entweder ausbezahlt oder kompensiert. Meistens kompensieren wir zwischen den Projekten.

Das sagt der Experte: Grundsätzlich gilt die im Vertrag vereinbarte Arbeitszeit. Die Überstunden sind im Gesetz definiert (siehe Box). So ist der Arbeitnehmer verpflichtet, ein gewisses Mass an Überstunden zu leisten. Dieses muss aber im Rahmen des Zumutbaren erfolgen. Was zumutbar ist, ist im Gesetz nicht verankert. Überstunden müssen aber immer etwas Ausserordentliches bleiben und dürfen nicht zur Routine werden. Ansonsten widerspricht das dem Gesetz. Im Ausland hat der Arbeitsvertrag Gültigkeit. Hingegen ist das hiesige Arbeitsgesetz grundsätzlich nur in der Schweiz anwendbar.

• «Trotz Teilzeit arbeite ich mehr als 100 Prozent»
Peter A.: Ich arbeite trotz eines 90-Prozent-Pensums oftmals 110 Prozent. Das sind manchmal über 55 Stunden in der Woche. Hinzu kommt die Weiterbildung zu einem Fachausweis, die auch enorm zeitaufwändig ist.

Das sagt der Experte:
Auch ein Teilzeitpensum ist durch den Arbeitsvertrag und das Obligationenrecht (OR) geschützt. Das heisst: Jede Stunde über dem vereinbarten Teilzeitpensum ist eine Überstunde. Sofern nichts anderes abgemacht ist, ist diese zu entschädigen. Allerdings steckt der Arbeitnehmer oft in einem Dilemma: Viele beugen sich dem ständigen Arbeitsdruck im Unternehmen und leisten die täglichen Überstunden, auch wenn sie dazu gar nicht verpflichtet wären. Pocht der Angestellte auf die Einhaltung der im Vertrag stehenden Arbeitszeit, dann könnte das im schlimmsten Fall zu einer Kündigung führen. Die Wahrnehmung von Rechten schützt nicht vor Verlust des Jobs. Eine freiwillige Weiterbildung ist zudem keine Arbeitszeit, sondern eine selber zu verantwortende Mehrbelastung.

• «Ziehe ich die Überstunden nicht ein, werden sie gestrichen»
«Björn S.:» Ich arbeite im strategischen Einkauf eines mittelständischen Unternehmens. Dabei fallen im Schnitt rund 55 Stunden pro Woche an. Die Überstunden kann ich zwar aufschreiben. Doch werden sie gestrichen, wenn ich sie bis Ende Jahr nicht eingezogen haben.

Das sagt der Experte: Man muss zwischen Überstunden und Überzeiten unterscheiden. Wenn man mehr arbeitet als im Vertrag vereinbart, sind das Überstunden. Überzeit leistet man hingegen, wenn man nicht nur das vertragliche Pensum, sondern auch die im Gesetz verankerten Maximalstunden übersteigt. Das sind entweder 45 oder 50 Stunden in der Woche. Bei 55 Stunden fallen demnach sicher Überzeiten an. Hier verlangt das Gesetz zwingend eine Entschädigung mit Zuschlag von 25 Prozent oder Zeitausgleich. Bei den Überstunden ist das nicht immer der Fall. Steht im Vertrag etwa die Klausel «Überstunden sind mit diesem Lohn abgegolten», kann man für die Überstunden keine Entschädigung mehr fordern. Gerade im Kader sind solche Klauseln üblich.

•«Ich habe zwei Jobs und arbeite über 70 Stunden»
Jessica W.: Ich arbeite 6 Tage in der Woche 56 Stunden in einem Eiscafé und nebenbei dreimal in der Woche abends in einem Restaurant jeweils bis zu fünf Stunden.

Das sagt der Expert: Laut Gesetz ist eine Nebentätigkeit zulässig. Dafür brauche ich von meinem Hauptarbeitgeber keine Bewilligung – ausser der Nebenjob konkurrenziert mit meiner Hauptarbeit oder im Arbeitsvertrag ist eine Bewilligungspflicht vorgesehen. Wenn man aber aufgrund der vielen Tätigkeiten die zu erwartende Leistung nicht mehr erbringen kann, dann ist das unzulässig. Die gesetzliche Höchstarbeitszeit gilt grundsätzlich für alle Jobs zusammen. Ist diese bereits erreicht, dürfte ein Arbeitgeber die Person nicht noch zusätzlich beschäftigen. Das setzt aber natürlich voraus, dass ihn der Arbeitnehmer über den zweiten Job informiert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dreamer am 13.02.2018 20:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Freizeit

    Ich bin zwar noch nicht all zu lange im Arbeitsleben. Was ich bis jetzt trotzdem "gelernt" habe: ich werde baldmöglichst mein Pensum reduzieren und mich den wichtigen und wirklich spannenden Sachen des Lebens widmen. Leben, Freiheit, entdecken, diskutieren und spannenden Leuten begegnen. Vielleicht muss ich dann etwas bescheidener leben. Für mehr Freizeit ist mir das Wert.

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  • Thomas Birchbauer am 13.02.2018 20:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja klar

    Ja klar, mehr arbeiten dass der "Vorgesetzte" der sein viel höheres Salär mit mehr Verantwortung rechtfertigt noch mehr kriegt, dann aber wenn er eine Rüge von ganz oben kassiert, seine Wut niveaulos auf die ablässt die nicht mal ein fünftel verdienen?! Das nennt man dann Verantwortung, über die hälfte hat null Führungsqualität es soll sogar solche geben die nicht mal in der Lage sind einen Brief fehlerlos zu schreiben ... Igitt!

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  • Herr Max Bünzlig Live im Ochsen am 13.02.2018 21:05 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    Freizeit ist unbezahlbar, sagt der Stammtisch

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Cuckoo's Nest am 26.02.2018 00:55 Report Diesen Beitrag melden

    Psychische Probleme ...

    ... wegen zuvielem Arbeiten schaffen wenigstens wieder neue Jobs in psychiatrischen Kliniken (oder auf gut Deutsch Klapsmühlen).

    • Nuts am 26.02.2018 01:01 Report Diesen Beitrag melden

      @ Cuckoo's Nest

      Ja, die Schweiz wird langsam, aber sicher zu einem riesigen Irrenhaus, wo man nicht weiss, wer die Patienten oder wer die Wärter sind.

    • Xaver O. am 26.02.2018 01:15 Report Diesen Beitrag melden

      Completely bananas!

      Die meisten wissen gar nicht, dass sie bereits schon in einer psychiatrischen Anstalt therapiert werden. Und das Pflegepersonal sind nämlich ihre Vorgesetzten.

    • Nuts am 26.02.2018 01:42 Report Diesen Beitrag melden

      @Xaver O.

      Und um die Patienten im Glauben zu lassen, wichtige Mitarbeiter zu sein, wird ihnen pro forma Ende Monat Geld in die Hand gedrückt. Auch dürfen sie zusammen mit Tausenden Patienten einen Urlaub auf Mallorca nehmen.

    • moni70 am 02.03.2018 11:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nuts

      Geld??? 3000 sfr ist ein Schweigegeld mehr nicht. Nicht einmal eine Wertschetzung

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  • *** Arbeitsverweigerer Nr.1 *** am 26.02.2018 00:39 Report Diesen Beitrag melden

    Man wird nur ausgenutzt!

    Meiner Gesundheit zuliebe weigere ich mich, in den Arbeitsprozess, wo man nur ausgenutzt wird, eingespannt zu werden. Seit 40 Jahren arbeite ich deshalb nicht mehr!

  • moni70 am 20.02.2018 12:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitszeit

    Ich arbeite im Unispital Zürich in der Patientenhotellerie. Wir arbeiten zwar nur 80% dafür 12 Stunden das heisst von 0650 bis 1915. Pausen haben wir zwei mal eine 3/4 h von 1030-1115 und von 1430-1515. Danach wird durch gearbeitet bis 1915. Dies ist vertraglich so abgemacht. Der lohn beträgt 3000 Sfr. Dabei ist es egal ob man langjährige Gastroerfahrung hat oder nicht. Der Spital / Kanton presst die Arbeitnehmer aus. Überstunden sind eigentlich nicht vorgesehen und müssen von der Pflege bestättigt werden ansonsten man gratis arbeitet. Der Kanton Zürich lässt grüssen.

  • Kappa77 am 18.02.2018 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    Head Count vs Arbeitsbelastung

    Das Problem ist, dass viele Unternehmen auf Grund von Kosten-/Renditendruck Stellen, die durch Fluktuation, Pensionierungen etc. vakant werden nicht mehr besetzen, dann wird die Arbeit einfach auf weniger Köpfe verteil, und weil wir unsere Arbeit gewissenhaft machen, machen wir dann Überstunden und für das Management geht die Rechnung auf... aber das Management wird sich nicht bei einem bedanken, wenn man sich für die Firma kaputt geschuftet hat, sondern sich fragen, müssen wir die Stelle überhaupt besetzen?

  • Kappa77 am 18.02.2018 14:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Head count versus Arbeit

    Das Problem ist, dass Stellen nicht mehr besetzt werden, um Lohnkosten zu sparen, aber die Arbeit bleibt und muss auf weniger Personal verteilt werden... Viele von uns sind zu gewissenhaft, um dann die Arbeit liegen zulassen.. und das Management freut sich dass es doch klappt... Nur wird Dir kein Manager danke sagen, wenn Du dich kaputt geschuftet hast.. wir brauchen wieder Unternehmer statt Manager die langfristig an ein Unternehmen glauben und auf Innovation setzen statt auf Kosten senken, damit man mit China Indien und Osteuropa Konkurrenz fähig bleibt..

    • moni70 am 02.03.2018 11:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kappa77

      gut geschrieben.

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