Avenir-Suisse-Studie

05. Oktober 2017 10:27; Akt: 05.10.2017 11:23 Print

Müssen wir bald alle länger arbeiten?

von P. Michel - Für die Denkfabrik Avenir Suisse macht die Digitalisierung die wöchentliche Höchstarbeitszeit überflüssig. Gewerkschafter kritisieren das scharf.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Lampart*, die liberale Denkfabrik Avenir Suisse kommt in einer Studie zum Schluss, dass Roboter den Menschen die Arbeit nicht wegnehmen werden. Zu welchem Schluss kommen Sie als Gewerkschafter?
Auch wir gehen davon aus, dass keine Massenarbeitslosigkeit wegen der Digitalisierung droht. Wenn die Politik für gute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sorgt. Und wenn die Löhne und Arbeitsplätze geschützt sind. Die Digitalisierung nützt den Angestellten nur dann, wenn wir die Entwicklung in die richtigen Bahnen lenken. Was Avenir Suisse heute vorgeschlagen hat, wird den Angestellten hingegen schaden.

Inwiefern?
Avenir Suisse schreibt selbst, dass durch die Digitalisierung die Gefahr des Lohndumpings besteht. Weil digitale Firmen oder die Plattformwirtschaft mit Firmen wie Uber eine Übermacht gegenüber den Angestellten entwickeln können. Aus dieser richtigen Analyse ziehen sie jedoch die falschen Schlüsse.

Warum sind diese falsch?
In einer solchen Situation muss man die Angestellten besser schützen. Doch Avenir Suisse verlangt einen Abbau von Arbeitnehmerrechten – etwa bei der Arbeitszeiterfassung oder bei der Höchstarbeitszeit. Früher waren die Firmen bereit, die Früchte des technischen Fortschritts mit den Arbeitnehmenden zu teilen – über Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen. Heute will die Denkfabrik der multinationalen Unternehmen, dass sie länger arbeiten. Die Arbeitnehmer werden das nicht einfach hinnehmen. Avenir Suisse sollte sich «Grounding Switzerland» nennen. Denn genau das Gegenteil ist gefragt: Die Rechte der Arbeitnehmenden müssen gerade in Zeiten der Digitalisierung gestärkt werden.

Avenir Suisse will zudem die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 45 Stunden abschaffen und durch eine Jahresarbeitszeit ersetzen. Was sagen Sie dazu?
Das wäre ein grosser Rückschritt und hätte gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden. Wiederum wird unter dem Vorwand, die Angestellten müssten sich für die digitale Arbeitswelt fit machen, ein Angriff auf die Arbeitsbedingungen lanciert. Ohne eine wöchentliche Höchstarbeitszeit besteht die Gefahr, dass die Firmen den Druck auf die Angestellten erhöhen und die ständige Erreichbarkeit verlangen.


Was sagt der Avenir-Suisse-Direktor zu den Vorwürfen?

Wie sähe das im Arbeitsalltag aus?
Firmen könnten bei den Angestellten die Erwartung schüren, diese müssten jederzeit abrufbar sein. Wer seine Mails am Abend nicht mehr prüft, könnte dann benachteiligt werden. Schlussendlich zielt der Vorschlag darauf ab, den Firmenprofit auf Kosten der Arbeitnehmer zu maximieren. Die Folgen sehen wir heute schon: Burnouts und Stresserkrankungen. Deshalb fordern wir in von der Digitalisierung betroffenen Branchen wie dem Detailhandel oder der Industrie verstärkte Kontrollen bei Ruhezeiten, Pausen sowie bei der Sonntagsarbeit.

Damit die Menschen einen Vorteil gegenüber Robotern haben, müsse in Bildung investiert werden, sagt Avenir Suisse. Teilen Sie diese Einschätzung?
Investitionen in die Bildung sind für die Arbeitnehmenden in Zukunft zentral. Das sehe ich auch so, denn wer über eine gute Ausbildung verfügt, hat bessere Chancen im Beruf. Hier sind die Firmen sowie die Kantone in der Pflicht: Sie unternehmen heute noch zu wenig, um etwa Erwachsenen eine Lehre zu ermöglichen oder sich umschulen zu lassen. Finanziert werden könnte dies, indem auf die Senkung der Gewinnsteuern für Firmen im Rahmen der kommenden Unternehmenssteuerreform verzichtet würde.

*Daniel Lampart ist Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Railianer am 05.10.2017 10:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    die Zitrone

    ist bei vielen Arbeitnehmern schon ausgepresst,aber man kann noch die Schale abraffeln

    einklappen einklappen
  • xandra am 05.10.2017 10:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitszeit

    Wo soll das noch enden mit den Arbeitszeiten. Wir arbeiten heute schon rund um die Uhr und machen uns körperlich kaputt das wir es nicht schaffen bis zur Rente zu arbeiten. Geschweige denn Überzeit einziehen nicht möglich. Rund um die Uhr arbeiten wo bleibt da noch Zeit für ein bischen Leben

    einklappen einklappen
  • Fabi am 05.10.2017 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Anpassung sofort!

    Avenir Suisse will zudem die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 45 Stunden abschaffen und durch eine Jahresarbeitszeit ersetzen. Was sagen Sie dazu? Passt es auf 42 Stunden an und Basta!! Und liebe Seco kontrolliert die Betriebe endlich.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Geronimo am 05.10.2017 20:08 Report Diesen Beitrag melden

    In Betrieben...

    mit flexiblen Arbeitszeiten gilt schon lange die Jahresarbeitszeit. Intressiert niemand ob man in der einten Woche nur 25h arbeitet und in einer anderen Woche 50h. Hauptsache die Arbeit ist erledigt. Finde das sehr gut solange mit einer 40h Woche die Jahresarbeitszeit berechnet wird. 45h pro Woche sind einfach zuviel des guten!

  • Thomas am 05.10.2017 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Klar doch!

    Lasst uns doch alle 100 Stunden die Woche arbeiten für den halben Lohn!

  • Manfred.Th. am 05.10.2017 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Brauchen wir die Digitalisierung?

    Frage was wäre wenn es keine Digitalisierung in der Arbeitswelt gäbe? Und mehr bei der Arbeit auf Menschlichkeit geachtet wird und den Computer nur als ein Hilfsmittel zu gebrauchen. Und mehr den Menschen in den Mittelpunkt zustellten. als ein Doofer Computer, man sieh was Alles verrücktes damit angestellt werden kann.

  • Ldc am 05.10.2017 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Jaja immer das gleiche

    Eventuell wäre eine differenzierte Betrachtung der Arbeitswelten gefragt, denn eine Jahresarbeit macht bei einem Maurer, Gastronom oder Manager unterschiedlich viel oder gar keinen Sinn! Die Gewerkschaften helfen vielen aber Schäden genau so viele...

  • OktoberBretzel am 05.10.2017 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Nun ja

    es gibt etwas was noch viel schlimmer ist als mehr arbeit: gar keine arbeit