Boreout

03. Oktober 2017 10:27; Akt: 03.10.2017 11:11 Print

Wenn sich Angestellte zu Tode langweilen

Dass auch Unterbeschäftigung und Unterforderung am Arbeitsplatz zum Problem werden können, wird oft tabuisiert. Dabei wäre die Lösung einfach – theoretisch.

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Immer mehr Mitarbeitende wünschten sich eine Aufgabe, die Sinn stiftet: Ein Angestellter in einem Büro. (Symbolbild) (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

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Der Begriff «Boreout», ein Zustand ausgesprochener Unterforderung im Arbeitsleben, hat sich inzwischen etabliert. Gesprochen darüber wird dennoch kaum. Nada Endrissat, Dozentin an der Fachhochschule Bern, hat diverse Forschungsarbeiten zum Thema –begleitet.

Sie spricht von zwei Aspekten die man unterscheiden sollte. «Das eine ist die mengenmässige Unterforderung, bei der man nicht die Leistung zeigen kann, die man eigentlich zeigen könnte oder die Performance, die man sich selber zum Ziel gesetzt hat», sagt sie.

Das andere sei die Frage nach der fachlichen Unterforderung, vor allem aber auch nach dem Sinn und der Bedeutung der Arbeit. Immer mehr Mitarbeitende wünschten sich eine Aufgabe, die Sinn stiftet. «Wenn sie das nicht vorfinden, kann auch das zu Langeweile und einem Boreout führen», sagt Endrissat.

Büroangestellte triffts am meisten

Eindrücklich belegen dies Untersuchungen bei US-Soldaten, die im Irak im Einsatz waren. Jene, die ihre Arbeit als bedeutungslos angesehen haben, litten unter Konzentrationsschwierigkeiten und körperlichen Beschwerden.

Forschungen in Unternehmen haben zudem gezeigt, dass weder Monotonie noch Routine zur Langeweile führen, sondern das falsche Anspruchsniveau und fehlende Anerkennung. Betroffen sind vor allem Büroangestellte, nur selten Selbstständige oder Freelancer. Dabei handelt es sich laut Endrissat oft um die «modernen Wissensarbeiter», die sehr gut ausgebildet sind und sich während ihrer Ausbildung mit Problemen auseinander setzen mussten, die viel Eigeninitiative, Wissen und Engagement voraussetzten.

«Im Arbeitskontext finden sie sich dann aber oftmals mit Aufgaben konfrontiert, die eher eintönig und standardisiert sind und wenig Handlungsspielraum geben», erklärt Endrissat. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang vom «Stupidity Paradox», einer Art unbeabsichtigter Dummheit also.

Diese Dummheit kostet letztlich Milliarden. In den USA gibt es Schätzungen, welche die Folgekosten durch Boreout auf 750 Milliarden Dollar schätzen. In Deutschland werden 124 Milliarden Euro angenommen. Für die Schweiz sind keine Zahlen vorhanden.

Versteckspiel wird zum Stress

Der grösste Stressfaktor bei Langeweile am Arbeitsplatz ist das Verstecken eben dieser Langeweile. «Langeweile ist extrem tabuisiert», sagt auch Andi Zemp, Leitender Psychologe der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee. «Das Tabu bemerken wir schon hier in den Gruppentherapien», erzählt er. Von der Langeweile am Arbeitsplatz zu erzählen, koste die Betroffenen Mut, weil sie Spott und dumme Sprüche fürchteten, so Zemp.

Um ihre Langweile zu verstecken, denken sich die Mitarbeiter zahlreiche Strategien aus, welche die Wissenschaft inzwischen mit Namen versehen hat: Es gibt Flachwalzstrategien, bei denen Arbeit möglichst langsam verrichtet wird, Aktenkofferstrategien, bei denen Arbeit vorgetäuscht wird oder Pseudo-Burnout-Strategien.

Gemeinsam ist allen Strategien, dass sie das Problem verstärken statt lösen. «Statt Überforderungsstress ist es Unterforderungsstress, der aber ebenfalls in einer Erschöpfungsdepression enden kann», beschreibt Endrissat.

Selbstzweifel und Angst

Betroffene sprechen von Angstzuständen aller Art. Er habe das Gefühl, zu verdummen und habe Selbstzweifel und Angst, dass «ich gar nicht mehr weiss, wie arbeiten geht». Dies gab beispielsweise einer der Interviewpartner Preis, der sich für eine beim Springer Verlag erschienene soziologische Analyse zu Boreout befragen liess.

In Andi Zemps Praxis sind es durchgehend ältere Arbeitnehmer, die gegen ein Boreout ankämpfen. «Sie wagen nicht, den Job zu kündigen, weil sie Angst haben, keinen neuen zu finden. Zugleich sind die Lebenshaltungskosten hoch. Viele versuchen die Situation einfach auszusitzen bis zur Pensionierung», sagt Zemp.

Das sei aber genau falsch. Ein Jobwechsel oder eine Pensenreduktion wäre besser. «Wichtig ist, dass man in einer solchen Situation nicht den einzigen Sinn bei der Arbeit sucht, sondern sich beispielsweise in der Freizeit herausfordert», so Zemp. Besser als Vertuschen wäre zudem, offen darüber zu reden – auch mit dem Chef.

(rub/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bürogummi am 03.10.2017 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    bin zeitweise auch betroffen

    aber ich sage das niemals meinen Vorgesetzten, sonst kommen die noch auf die Idee meine Stelle "wegzurationalisieren"

  • Karrierist am 03.10.2017 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Kenn ich bestens! Habe selbst schon

    zweimal gekündigt, weil ich nach einer gewissen Zeit unterfordert war; vor allem fachlich und auch performancemässig. Als ich dies erwähnte, war man überrascht; das höre man zum ersten Mal, bisher hätten alle über Überlastung gejammert! Muss dazu sagen, dass ich selbst und ohne Hilfe des Betriebes Weiterbildung betrieben habe und alles gelernte im Betrieb selbst umgesetzt habe. Ich habe mich so quasi selbst abgeschafft! Und ehrlich, ich habe viele Kollegen gesehen, die sich tatsächlich zu Tode gelangweilt haben; zum Glück gibt es Handys und Internet. Dort schlugen sie sich die Zeit tot!

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  • meier am 03.10.2017 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    Kenn ich...

    Vom Militär... Merci Bat Stab!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Briur am 04.10.2017 21:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nie langweilig

    Ich arbeite in der Sanität. Da ists nie langweilig. Aber der Lohn ist halt etwas kleiner. Und die Arbeit körperlich und viel draussen.

  • babsi am 04.10.2017 13:10 Report Diesen Beitrag melden

    am Empfang ist oft so

    habe lange an einem Empfang gearbeitet. Es lief recht wenig und die ARbeiten hatte ich ruckzuck erledigt. Den halben Tag hatte ich nix zu tun, aber der Empfang muss nun mal besetzt sein. Irgendwann hab ich den Chef gefragt ob ich in der Zeit wo ich nix zu tun hätte im Netz surfen dürfe ohne Ärger zu kriegen. Er war einverstanden denn so sahs für Leute die reinkamen wenigstens aus als ob ich was zu tun hätte. Besser als wenn ich ein Buch gelesen hätte. Aber nach 6 Monaten hat man das rumsurfen auch satt....

  • baba am 04.10.2017 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    kenne das

    Kenne das:Der Chef hat weil ich ständig nach Arbeit gefragt habe irgendwann völlig überflüssige Arbeiten erfunden. Nach 1.5 Jahren wollte ich das Pensum reduzieren, da mir das ganze ziemlich auf der Seele lag und anfing körperlich zu belasten. Er meinte das ginge nicht da jemand das Telefon abnehmen müsse falls es klingle (was selten der Fall war, und selbst wenn hätte es bis zum nächsten Tag warten können, war in einer Personalabteilung tätig). Fazit ich hab nach 2 Jahren gekündigt und hab in einer andern PErsonalabteilung angefangen wo meine Leistung auch gebraucht wurde.

  • Sabine Meier am 04.10.2017 10:33 Report Diesen Beitrag melden

    Neuer Job?

    Ältere Mitarbeiter sollen sich "einfach" einen neuen Job suchen? Soll das ein Witz sein? Ab 45/50+ will einen niemand mehr. Ich suche seit fast drei Jahren. Und bei meinem letzten Jobwechsel habe ich eine massive Einbusse beim Salär hingenommen. Ich hatte den gleichen Level und Lohn wie meine 20 Jahre jüngeren Kollegen.

  • Kusi am 04.10.2017 09:19 Report Diesen Beitrag melden

    Ich hab ne ganz einfache Lösung:

    Ich geh nächstes Jahr aufs Sozialamt. Ich bins leid mir genau diese Gedanken tagtäglich zu machen. Diese Gesellschaft ist nicht fähig mir Arbeit zu geben, die ich nicht abgrundtief verabscheue. Ebenso wenig gibts Raum für alternative Lebensmodelle. Und deshalb dürft ihr jetzt für mich bezahlen. Gehe Ende Monat kündigen. Ein Jahr Stempeln, danach aufs Amt. Vielen Dank an alle die noch nicht gemerkt haben, dass es eh alles für die Katz ist. Dank eurer Naivität mach ich mir ein schönes Leben auf eurem Buckel. Lieber sitz ich mit den Junkies vor dem Coop rum als in nem Büro auf den Tod zu warten.

    • Lillibeth am 04.10.2017 12:13 Report Diesen Beitrag melden

      @Kusi

      Das, was Sie da planen, könnte mal ganz schön ins's Auge gehen. Sie planen ohne triftigen Grund die Stelle zu kündigen. Genau das wird Ihnen beim RAV zuerst mit grosser Wahrscheinlichkeit mit 90 Einstelltagen zu Buche schlagen. Das heisst, Sie haben dann während 3 Monaten kein Einkommen; können Sie sich das leisten?

    • Super Kusi am 04.10.2017 12:52 Report Diesen Beitrag melden

      Jemand der es versteht!

      Perfekt beschrieben. Danke für deinen Kommentar. Empfinde es genau gleich wie Du

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