Coroner

27. September 2016 06:35; Akt: 28.09.2016 22:55 Print

«Harte, aggressive Musik und einer schreit drüber»

Die Zürcher Thrash-Metaller Coroner veröffentlichen nach 23 Jahren eine neue Platte. Zuvor gibts einen Dokfilm. Gitarrist Tommy Vetterli über das Comeback.

Coroner-Gitarrist Tommy Vetterli im Interview über die Reunion und die neuen Pläne der Zürcher Metal-Legenden,.
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Wacken, Hellfest, 70'000 Tons of Metal: Seit 2011 ist die Zürcher Thrash-Metal-Band Coroner wieder auf den ganz grossen Bühnen präsent. Dies ist Teil ihrer Reunion-Tour, die nun gleich in zwei neuen Neuerscheinungen gipfelt.

Schon von 1984 bis 1995 gehörte das Zürcher Trio zu den Thrash-Metal-Pionieren und veröffentlichte sechs Alben. Danach lösten sie sich sich auf. Nun erscheint nächstes Jahr nach 23 Jahren ein neues Album bei Sony Music – aber schon im September gibts mit «Autopsy» eine limitierte Special Edition mit Dokfilm, Liveaufnahmen und Interviews.

Coroner-Gründer und Gitarrist Tomy Vetterli (49) erzählt im Interview über die Hintergründe des langen Wegs von der Reunion bis zum neuen Album.

Tommy Vetterli, vor fünf Jahren hast du in einem Interview gesagt: «Ein neues Album zu machen, ist irgendwie kompliziert», deine Meinung hat sich offensichtlich geändert. Woran liegts?
Kompliziert ist es immer noch. Aber nach fünf Jahren Reunion-Shows – was immer noch extrem Spass macht – müssen wir langsam mit etwas Neuem kommen. Wir können nicht immer das Gleiche spielen.

Eure Reunion-Shows erhielten sehr gute Kritiken. Die Fan-Kommentare auf Youtube sind euphorisch. Geht ihr darum wieder ins Studio?
Ja, das motiviert natürlich extrem. Wir hatten bei der ersten Show Angst, dass das Publikum abwartet und schaut, ob es «die alten Säcke noch können». Es hätte ja verrissen werden können.

Was war eigentlich der Grund, dass ihr euch nach 16 Jahren Pause wieder für Konzerte zusammengetan habt?
Angefangen hat es damit, dass wir auf Youtube und Facebook sahen, dass sich die Leute immer noch für die Musik interessieren, die wir vor 20 Jahren machten. Und auch, dass andere Musiker – Gitarristen und Bassisten – die Songs lernten und Coverversionen auf Youtube gestellt haben. Das hat uns überrascht. Gleichzeitig kamen immer mehr Anfragen von Veranstaltern, vor allem von grossen Festivals. Marky Edelmann, der Schlagzeuger, wollte zuerst nicht mitmachen.

Wenn du Marky Edelmann ansprichst: Er ist ja nicht mehr dabei. Warum ist er bei Coroner ausgestiegen?
Marky hat von Anfang an gesagt, dass er keine neue Platte aufnehmen will. Ich habe wirklich alles probiert, um ihn umzustimmen. Für ihn sind es einfach die Gigs, die er spielen wollte. Ein Album ist für ihn überhaupt nicht in Frage gekommen, und das haben wir akzeptiert.

Coroner - «Autopsy»

Seit dem letzten Album sind 23 Jahre vergangen. Was können Coroner-Fans heute erwarten?
Also sicher etwas, das typisch Coroner ist. Wir machen einfach das, woran wir Freude haben. So wie bei den ersten sechs Alben.

Eure alten Alben hatten sehr gute Kritiken, haben sich auch recht gut verkauft. Aber trotzdem blieb der grosse Durchbruch aus. Wird das mit dem neuen Album anders?
Viele Leute sagen ja, dass wir damals der Zeit voraus waren. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir jetzt fast besser ankommen als dazumal. Vielleicht stimmt jetzt die Zeit für uns.

Der Sound von Coroner ist wohl anspruchsvoller als der Thrash-Metal von Slayer und Metallica, den die meisten kennen.
Stimmt, Coroner ist anspruchsvoller zum Hören mit den Rhythmen, die selten 4/4 sind. Es ist keine Musik für die breite Masse.

Wie würdest du Coroner den 20-Minuten-Lesern beschreiben, die euch noch nie gehört haben?
Das ist noch schwierig: Es ist harte, aggressive Musik, die technisch sehr oft anspruchsvoll, ein bisschen kompliziert ist – und einer schreit noch drüber (lacht).

Warum soll man sich das trotzdem anhören?
Es gibt verschiedene Musik für verschiedene Situationen und Anlässe und vielleicht ist man mal in dieser Stimmung. Es ist nicht nur Geknüppel, sondern Geknüppel mit einer gewissen Musikalität. Es ist sicher nicht für jedermann.

Wenn Metallica ein neues Album ankündigen, berichten sogar Nachrichtensendungen darüber. Was erhoffen sich Coroner vom neuen Release?
So gross wie Metallica werden wir nie, das ist klar. Aber wir wollen auch nicht so viele Kompromisse eingehen. Wir wollen das bleiben, was wir sind. Aber eine grössere Aufmerksamkeit ist natürlich immer schön.

Coroner macht ein neues Album bei einem grossen Label. Heisst das automatisch, dass eine grosse Tournee ansteht?
Ja, das hoffe ich. Es wird allerdings nicht so sein, dass man wie früher drei Monate am Stück auf Tour geht. Aber das möchten wir auch gar nicht mehr. Und ehrlich gesagt fühle ich mich auch zu alt dazu. Wir werden einfach ein bisschen ausgewähltere Sachen machen.

Eine Band, die viel mit euch zu tun hat, sind die Zürcher Celtic Frost. Die haben sich kurz nach ihrem erfolgreichen Comeback getrennt. Habt ihr keine Angst vor einem ähnlichen Schicksal?
Nein, überhaupt nicht. Vor allem, weil für mich von Anfang total wichtig war, dass ich das nur mache, wenn alles stimmt.

Die Plattenverkäufe brechen ein, Fans streamen Musik für fast kein Geld. Sind ein Deluxe-Paket mit Film und Livealbum und ein komplett neues Album nicht ein Risiko?
Ich glaube, die einzige Möglichkeit, bestehen zu können, ist es, etwas Spezielles zu machen. Wir haben jetzt ein fettes Paket gemacht, das handsigniert ist. Ich glaube, so bekommt Musik auch wieder mehr Wert. Wenn ich streame oder eine gebrannte CD in der Hand halte, hat das für mich nur den halben Wert – auch wenn die Musik genial ist. Ich habe gerne noch etwas in der Hand.

Man sagt, dass im Metal eine andere Fanbasis da ist, die immer noch bereit ist, Geld auszugeben. Denkst du, dass ihr ein treueres Publikum als andere Bands oder Stilrichtungen habt?
Ja, davon bin überzeugt. Das Metal-Publikum ist meiner Meinung nach ein eigentlich konservatives Publikum, dafür sind sie aber extrem treu.

Haben Coroner auch neue Fans an den Shows?
Ja, das hat mich extrem überrascht, dass wir beispielsweise im Zürcher Plaza altbekannte Gesichter sahen und aber auch trendy Hipster.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Metal Head am 27.09.2016 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ein kleiner, aber feiner Unterschied

    Es ist immer noch Thrash Metal...Nicht Trash Metal...

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  • Mr. Bass am 27.09.2016 08:06 Report Diesen Beitrag melden

    Good or bad

    Es gibt meiner Meinung nach keine "schlechte" oder "gute" Musik... es gibt nur Musik die einem persönlich entweder gefällt .. oder eben nicht. Wenn jemand Trash geil findet dann soll er sich das gönnen - und wenn einer lieber Helene Fischer hört.. ebenso.. Hier gilt wie überall auch .. TOLERANZ..

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  • Fetisov45 am 27.09.2016 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    Toller Live Auftritt

    Eben erst live gesehen und gehört am Meh-Suff Metalfestival in Hüttikon vor 2 Wochen. Waren super. Freue mich bereits jetzt schon auf das neue Album. \m/

Die neusten Leser-Kommentare

  • I. Bisofrey am 27.09.2016 15:17 Report Diesen Beitrag melden

    Sie sind der Meinung das war

     spitze! Grossartige Musik, völlig unterschätzt, aber das hat wohl auch mit der Haltung der Musiker zu tun, die mit dem massentauglichen Showbiz nichts tun haben wollen.

  • Fetisov45 am 27.09.2016 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    Toller Live Auftritt

    Eben erst live gesehen und gehört am Meh-Suff Metalfestival in Hüttikon vor 2 Wochen. Waren super. Freue mich bereits jetzt schon auf das neue Album. \m/

  • Logiker am 27.09.2016 09:18 Report Diesen Beitrag melden

    Riesiger Fan

    Ich habe vor einigen Jahren durch meinen Coiffeur (welch Ironie) von Coroner erfahren! Da ich Jahrgang 88 habe, hatte ich gar nie die Chance Coroner zu sehen! Um so grösser war meine Freude als ich von der Reunion gehört habe! Ich war in Lausanne am ersten Konzert und mir kamen die Tränen, so gut war die Darbietung! Ich kann es nun kaum glauben dass ein neues Album rauskommt! Das ganze ist auch Balsam auf meine Seele nachdem Battalion (meiner Meinung nach Coroners erben) vor kurzem Ihre trennung bekannt gaben!

  • Metal Head am 27.09.2016 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ein kleiner, aber feiner Unterschied

    Es ist immer noch Thrash Metal...Nicht Trash Metal...

    • Metal Head 2 am 27.09.2016 08:30 Report Diesen Beitrag melden

      Genau!

      Danke! Das wollte ich auch gleich schreiben! Denn bei der Schreibweise gibts keine Toleranz :-)

    • Metal Head 3 am 27.09.2016 09:15 Report Diesen Beitrag melden

      Thrash nicht Trash

      Schliesslich ist es Metal der einem "verdrischt" (so die Übersetzung von Thrash) und nicht Abfall Metal (Trash = Abfall)

    • Online-Leser am 27.09.2016 23:53 Report Diesen Beitrag melden

      Lustig

      Das ist ein Running Gag der Musikjournis. Thrash ohne 'h' ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Gebt es doch endlich zu...

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  • Mr. Bass am 27.09.2016 08:06 Report Diesen Beitrag melden

    Good or bad

    Es gibt meiner Meinung nach keine "schlechte" oder "gute" Musik... es gibt nur Musik die einem persönlich entweder gefällt .. oder eben nicht. Wenn jemand Trash geil findet dann soll er sich das gönnen - und wenn einer lieber Helene Fischer hört.. ebenso.. Hier gilt wie überall auch .. TOLERANZ..

    • Hugo Balestra am 27.09.2016 13:28 Report Diesen Beitrag melden

      Coroner is authentic!

      Toleranz auf jeden Fall! Aber es gibt schon Kriterien für gute oder weniger gute Musik (z.B. Melodieführungen, Kontrapunktierungen, Formalität, Instrumentierung, Verhältnis Technik-Song, Aussage, usw. und nicht zu letzt Authentizität). An der fehlt es heutzutage eben schon ziemlich... Jede(r) soll hören was sie/er will, nur GEFALLEN heisst noch lange nicht gleich GUT.

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