Kindercasterin im Interview

15. Juni 2018 18:06; Akt: 15.06.2018 18:06 Print

«Beim Casting dürfen die Eltern nicht ins Studio»

Wie viel verdienen Kinder-Darsteller? Welche Rechte haben sie? Und wie laufen Castings ab? Eine Expertin beantwortet die wichtigsten Fragen und räumt mit Vorurteilen auf.

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Sie werden von ihren ehrgeizigen Eltern an Castings geschleift. Müssen arbeiten bis zum Umfallen. Werden finanziell ausgebeutet. Und bezahlen am Ende mit ihrer verpassten Kindheit. Es gibt zahlreiche prominente Beispiele, die das stereotypische Bild von Kinderstars zementieren.

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Würden Sie Ihrem Kind erlauben, an ein Film-Casting zu gehen?

Vieles sind Vorurteile, weiss Corinna Glaus (61), die als Castingdirektorin seit zwanzig Jahren Kinderrollen in der Schweiz, besetzt. Sie sucht zurzeit wieder Jungtalente für unterschiedliche Filme und beantwortet die wichtigsten Fragen rund ums kontroverse Thema.

Frau Glaus, Kindercastings haben gerade Hochkonjunktur, warum?
Ganz einfach: Bald sind Sommerferien. Dann ist es schwierig, die passenden Talente zu finden.

Wer soll an ein Kindercasting?
Grundsätzlich alle, die Lust darauf haben.

Wie stellt man diese Lust bei Kindern denn fest?
Entweder äussern sie von sich aus den Wunsch, oder sie sagen spontan zu, wenn sie angefragt werden. Ohne lange überlegen zu müssen. Kinder, die zu Castings kommen, spielen oft schon im Schultheater und sind es gewohnt, auf Autoritätspersonen ausserhalb der Familie zu hören und zu reagieren.

Gibt es eine Altersuntergrenze?
Das hängt von der Rolle ab. Wir haben aber den Grundsatz, dass wir keine Kinder unter sechs Jahren casten. Jüngeren eine konkrete Aufgabe und Szene zu geben, ist schlicht zu früh. Auch wenn bei Kindercastings alles sehr spielerisch zu- und hergeht.

Wie soll sich ein Kind auf ein Casting vorbereiten?
In der Regel gar nicht. Dann erkennen wir am besten, ob es improvisieren kann. Manchmal sollen sie im Vorfeld kurze Texte auswendig lernen, was aber meist kontraproduktiv ist.

Weshalb?
Sie lernen ihre Verse dann in- und auswendig wie in der Schule, Satz um Satz. Dabei geht es viel mehr darum, die Sätze in Szenen einzubetten und sie beiläufig auszusprechen. Wir raten auch davon ab, zu Hause vor dem Spiegel zu üben.

Gewisse Filminhalte sind so gar nicht für Kinder bestimmt. Wie viel erzählt man über die Rolle und den Film?
Bei Dramen oder Horrorfilmen kann das tatsächlich eine Herausforderung sein. Es ist Aufgabe der Eltern, ihre Kinder schrittweise ans Thema heranzutasten. Etwas zu verschweigen, ist falsch.

Wie sollen sie das konkret machen?
Zuerst erklären sie nur das Genre, dann den Filminhalt – aber erst, wenn das Kind tatsächlich unter den letzten Anwärtern für die Rolle ist. Wir geben die Drehbücher auch erst dann raus.

Wie lange darf ein Kind drehen?
Da gelten die allgemeinen Gesetze für Kinderarbeit. Wir empfehlen, die Dreharbeiten den Schulzeiten anzupassen. Zum Beispiel vier Stunden für Kinder der ersten Primarklasse. Alles darüber sind Ausnahmen und müssen mit Eltern und Kindern abgesprochen sein.

Wird denn kontrolliert, ob die Gesetze eingehalten werden?
In der Praxis kaum, gerade weil in der Schweiz kaum Missbräuche stattfinden. Die Industrie ist zu klein, die soziale Kontrolle gross. Bei Filmen wie «Heidi», in denen Kinder die Hauptrolle übernehmen, ist immer auch eine Betreuungsperson am Set. Die schaut nicht nur fürs leibliche Wohl, sondern ebenso darauf, dass Pausen eingehalten werden. Und sogar darauf, dass in den Wartepausen die Hausaufgaben erledigt werden.

Wie werden Kinder sonst noch geschützt?
Bei grossen Rollen mit langen Präsenzzeiten gibt es Doppelbesetzungen. Für Proben, Kameraeinstellungen und so weiter springen dann Doubles mit ähnlichen Staturen ein. Das war zum Beispiel bei den Dreharbeiten für den «Papa Moll»-Film der Fall.

Was, wenn ein Kind plötzlich keine Lust mehr hat?
Das gab es tatsächlich schon, damals sprang eine Zweitbesetzung ein. Details über Ausstiegsklauseln in Verträgen kenne ich aber nicht. Als Casterin fungiere ich lediglich als Vermittlerin.

Wie viel verdient ein Kinder-Darsteller?
Das hängt vom Film und der Grösse einer Rolle ab. Für eine Hautrolle gibts ungefähr 300 Franken am Tag. Das sind natürlich keine amerikanischen Verhältnisse. Aber bei mehrwöchigen Dreharbeiten kommt da ein schönes Sackgeld zusammen. Selbstverständlich werden auch die Spesen vergütet.

Wie baut man eine nachhaltige Karriere auf?
Die Schweiz hat viele Schultheater, Tanzklassen und ähnliche Angebote. Kindern, die ins Schauspielbusiness wollen, empfehlen wir, solche in ihrer Freizeit wahrzunehmen. Sie merken dann selbst, ob sie trotz unglamouröser Realität mit mühsamen und stressreichen Proben immer noch Lust am Job verspüren. Auch sollen sie so viele Castings wie möglich besuchen und entsprechend mit Absagen umgehen lernen. Am Ende ist die Schauspielerei wie Leistungssport – man muss es wirklich wollen.

Wie gehen Sie mit übermotivierten Eltern um?
Wenn wir merken, dass ein Kind zum Casting gedrängt wird, versuchen wir spielerisch den Erwartungsdruck zu nehmen und sagen dankend ab. Denn nur ein Kind, das aus eigenem Antrieb die Casting-Herausforderung annimmt, kann auch im Film bestehen. Die Basis für die Zusammenarbeit und den Erfolg des Kindes ist ein Vertrauensverhältnis mit den Eltern. Sie müssen loslassen können und dürfen deshalb die Kinder beim Vorsprechen nicht ins Studio begleiten.

Wen suchen Sie im Moment?
Wir besetzen die Kinderrollen für drei Projekte: Für die Verfilmung des Erfolgsbuchs «Platzspitzbaby» suchen wir ein etwa zehnjähriges Mädchen. Die wahre Story um ein Junkiekind ist tragisch, die Besetzung deshalb eine Herausforderung. Für den Aussteiger-Film «Jill» sind wir auf der Suche nach Jungs und Mädchen zwischen sechs und zwanzig Jahren, die Englisch als Muttersprache und einen amerikanischen Akzent haben.

Und weiter?
Und fürs Drama «The Lines of My Hand» sind 10- bis 13-jährige Mädchen gefragt, die neben Schweizerdeutsch Russisch, Ukrainisch, Serbisch, Kroatisch oder Bosnisch können und Interesse an Kunst- oder Geräteturnen haben. Grundsätzlich kann sich aber jeder melden, ob Junge oder Mädchen, der Lust auf die Schauspielerei hat.

Wer sich angesprochen fühlt und sein Glück versuchen will, kann sich hier bewerben.

(kfi)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Herr Paternoster Live us de Chnelle am 15.06.2018 18:20 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    Kinder gehören nicht ins Casting vermutlich sonder hinter die Schulbücher

Die neusten Leser-Kommentare

  • Herr Paternoster Live us de Chnelle am 15.06.2018 18:20 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    Kinder gehören nicht ins Casting vermutlich sonder hinter die Schulbücher