Whistleblower-Website

03. Dezember 2010 10:16; Akt: 06.12.2010 11:33 Print

Verwirrung um WikiLeaks-Umzug

von Henning Steier - Auf Twitter lässt die Enthüllungsplattform wissen: «WikiLeaks zieht in die Schweiz.» Allerdings ist dieser Tweet irreführend.

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WikiLeaks: Neue Domain getwittert.

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WikiLeaks hat unlängst auf Twitter folgenden Tweet veröffentlicht: «WikiLeaks moves to Switzerland http://wikileaks.ch/». Die Domain ist auf die Piratenpartei Schweiz zugelassen. Präsident Denis Simonet sagte zu 20 Minuten Online: «Wir haben die Domain WikiLeaks.ch seit einigen Monaten und seither eine Weiterleitung eingerichtet. Auf unseren Servern liegen keine Inhalte der Plattform.» Warum WikiLeaks nun einen entsprechenden Tweet publiziert hat, wisse er nicht. Zurzeit ist die Startseite von WikiLeaks über http://213.251.145.96 erreichbar. Es lassen sich allerdings nicht alle Dokumente aufrufen.

Simonet hatte sich unlängst mit WikiLeaks-Chef Julian Assange zum Pizzaessen in Genf getroffen. In Simonets Blog heisst es über das Treffen: «Er verriet uns keine Geheimnisse, die nicht sowieso schon durch die Medien bekannt waren. Lediglich eine Ankündigung von etwas Grossem, das die Welt verändern werde, nahmen wir als Neuigkeit mit. Mehr wollte er nicht verraten. Heute wissen wir natürlich: Er meinte damit Cablegate. Die Menschheit ist nun darüber informiert, dass die Schweiz eine frustrierende Alpendemokratie ist. Leak sei Dank!»

EveryDNS hat inzwischen auch die Schweizer Website mit den WikiLeaks-Dokumenten aus ihrer Datenbank gelöscht und damit den Zugang zeitweise unmöglich gemacht. Die Adresse wikileaks.ch war am Freitagabend nicht erreichbar. Eine Online-Recherche (Nameserver-Lookup) ergab, dass der Nameserver diese Adresse nicht mehr kennt. Simonet bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, dass die Adresse gelöscht worden sei. Die Partei suche jetzt einen neuen Provider. Noch am Abend sollte die Seite demnach wieder erreichbar sein.

WikiLeaks.org vom Netz genommen

WikiLeaks.org ist seit dem späten Donnerstagabend nicht mehr erreichbar. Das liegt daran, dass der amerikanische Domain-Name-Provider EveryDNS, der die Adresse verwaltet, nach eigenen Angaben die Bearbeitung von Anfragen für die Website eingestellt hat. Dies sei nötig gewesen, da es wiederholt zu Angriffen auf die Adresse gekommen sei. Die Attacken hätten die gesamte Infrastruktur des EveryDNS-Netzwerkes gefährdet, hiess es. EveryDNS verwaltet den Zugang zu rund 500 000 Websites.

WikiLeaks bestätigte den Vorgang über Twitter. Die Adresse WikiLeaks.org sei vom US-Provider abgeschaltet worden, nachdem es angeblich massive Angriffe gegeben habe («WikiLeaks.org domain killed by US everydns.net after claimed mass attacks»). Die Plattform hat die Regierungen der USA und vieler anderer Staaten gegen sich aufgebracht, weil dort fast eine halbe Million als vertraulich oder geheim eingestufte Dokumente über die Kriege der USA im Irak und in Afghanistan und zuletzt tausende Mitteilungen von US-Diplomaten veröffentlicht worden waren. Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen sind in der obigen Bilderstrecke zu sehen.

Amazon: WikiLeaks verletzte Geschäftsbedingungen

WikiLeaks hatte unlängst den Zugang zum bisherigen US-Server verloren und sucht jetzt eine Internet-Heimat in Europa. Zurzeit sollen Inhalte noch auf Servern des schwedischen Anbieters Bahnhof liegen. «WikiLeaks von Amazon-Server verdrängt. Freie Rede im Land der Freien», war am Mittwoch auf Twitter zu lesen gewesen. Amazon bestritt, Inhalte von WikiLeaks auf politischen Druck von seinen Servern entfernt zu haben. WikiLeaks habe gegen die Nutzungsbedingungen verstossen, teilte das Unternehmen in einem Blogeintrag mit. Laut Amazons Geschäftsbedingungen müssen Kunden die Rechte an den Inhalten auf den Servern haben. Zudem dürfen beispielsweise dort abgelegte Dokumente niemandem schaden. «Es ist offensichtlich, dass WikiLeaks nicht die Rechte an den vertraulichen Dateien besitzt», schrieb Amazon. Auch könne bei 250 000 Berichten nicht ausgeschlossen werden, dass durch deren Veröffentlichung beispielsweise Menschenrechtler in Gefahr gebracht würden. Auf Facebook hat unterdessen die ehemalige US-Vizepräsidentinnenkandidatin Sarah Palin gefordert, WikiLeaks «mit allen bekannten Cyber-Werkzeugen permanent lahmzulegen». Julian Assange wurde von ihr als Terrorist bezeichnet, der Blut an den Händen habe.

Update 4.12.: «Gestern wurde wikileaks.ch auch von EveryDNS gelöscht», sagte Denis Simonet zu 20 Minuten Online, «da wir nicht vorab informiert wurden, konnten wir nicht präventiv von Anfang an alternative Nameserver verwenden. Uns ist es nun aber gelungen, zehn Nameserver von fünf Anbietern aufzutreiben. Der Domain war lediglich für zwei Stunden nicht erreichbar.» Simonet hat nach eigenen Angaben mittlerweile mit der SWITCH, der Schweizer Registrierungsstelle für Domain-Namen, Kontakt aufgenommen. «Weder das BAKOM noch SWITCH wollen uns bei der Domain belangen. Es gibt in ihren Augen keinen Handelsbedarf, denn sie können keine Gesetzesverletzung feststellen. Es ist also nur noch per richterlichem Beschluss möglich, dass wikileaks.ch offline geht», sagte Simonet.

Seit dem Wochenende ruft WikiLeaks Unterstützer dazu auf, Mirror-Server einzurichten, auf denen Kopien von Geheimdokumenten publiziert werden können. Wer einen übers Internet ansteuerbaren Unix-Server betreibt, kann diesen im Rahmen des Projekts Mass-mirroring Wikileaks zur Verfügung stellen, in dem er WikiLeaks das Hochladen von Daten per RSYNC+SSH oder FTP ermöglicht. Die Macher der Whistleblower-Website haben dazu einen öffentlichen Schlüssel ins Netz gestellt, über den WikiLeaks mit dem passenden privaten Schlüssel Daten auf die Server kopieren kann.

WikiLeaks hat überdies auf wikileaks.ch/mirrors.html eine Liste der Mirror-Server ins Netz gestellt, die wiederum auf allen Spiegelservern zu finden ist. So soll es immer schwieriger werden, die Dokumente aus dem Netz zu entfernen. Zurzeit sind auf der Liste etwa 350 Server zu finden - beispielsweise von Mitgliedern der Piratenpartei. In ihrer Ankündigung betonten die WikiLeaks-Macher zugleich, dass das Betreiben eines Mirror-Servers mit persönlichen Risiken verbunden sein könnte.