Game over

10. November 2017 12:35; Akt: 10.11.2017 12:35 Print

In Games ist der Tod ein Witz

von Jan Graber - Viele Games möchten so nah wie möglich am Leben sein. Bei einem der grössten Themen des Lebens aber scheitern sie – dem Tod.

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Der Tod als Witz: Im Spiel «Death Coming» schlüpfen Spieler in die Haut des Sensenmanns, um tödliche Unfälle zu produzieren. Das Indie-Game «RiMe» befasst sich mit fünf Stadien der Trauer und erzählt auf einnehmende Weise die Geschichte eines Vaters, der auf hoher See seinen Sohn verliert und Abschied nehmen muss. Im Game «A Mortician's Tale» übernehmen Spieler die Rolle eines Bestatters, der Leichen wäscht, sie einbalsamiert, aber auch mit trauernden Familien spricht. Das Indie-Game «What Remains of Edith Finch» erzählt die Geschichte von Edith Finch und ihrer glücklosen Familie, die seit fünf Generationen mit frühzeitigen Todesfällen konfrontiert ist. Mit dem mehrfach ausgezeichneten Indiegame «That Dragon, Cancer» verarbeitete ein Gamedesigner-Paar den realen Krebstod ihres 5-jährigen Sohns. «Apart of Me» ist ein Spiel, das jungen Menschen helfen soll, den Tod naher Angehöriger zu verarbeiten. Im Spiel «Life Is Strange: Before the Storm» müssen die Spielfiguren lernen, mit dem Tod von Freunden umzugehen. Das Game «Passage» lässt Spieler den kompletten Lebenslauf eines Menschen von der Geburt bis zum Tod durchlaufen. Im Blockbusterspiel «Heavy Rain» kämpft ein Paar mit dem frühzeitigen Verlust ihres Kindes. Das Entwicklerstudio Quantic Dream veröffentlichte zuvor bereits ... ... das Game «Fahrenheit», in dem die depressive Hauptfigur Suizid begeht, wenn der Spieler falsche Entscheidungen trifft. Im Spiel «Rogue» (1980) waren Spieler mit dem Konzept des Permadeath konfrontiert. Gewinnen konnte nur, wer das Game in einem Zug durchspielte, ohne dass die Spielfigur starb. Permadeath war auch in «Steel Battalion» die Herausforderung. Schafften es Spieler nicht, rechtzeitig aus dem zerstörten Mech-Warrior zu gelangen, mussten sie das Game von Beginn weg neu starten. Noch extremer ist «The Castle Doctrine». Das Mutliplayer-Game bietet die Möglichkeit, Spieler, deren Gamefigur gestorben ist, permanent vom Multiplayer-Server zu verbannen. Tödlich schwierig zu meistern ist «Dark Souls». Nachdem die Hauptfigur das erste Mal gestorben ist, spielt das Game in der Unterwelt.

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Milliardenfach sind sie gestorben, egal, ob als Helden oder unschuldige Nebenfiguren; die Schlange vor dem Pixel-Himmelstor dürfte bis in alle Unendlichkeit und darüber hinaus reichen. Die Rede ist natürlich von Gamefiguren – und dem, was sie immer wieder erleiden, den Tod im Spiel, das Game over. Wobei es sich bei spielbaren Helden meist um einen temporären Übertritt ins binäre Nirwana handelt.

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Während der Tod im richtigen Leben Leere, Schmerz und Trauer hinterlässt, ist er in Spielen oft nur ein Witz – ein Trick, um das Spiel am Leben zu erhalten. Das Ableben ist die Hürde, die es zu überwinden gilt, das Zeichen dafür, dass der Spieler oder die Spielerin versagt hat und besser werden muss. Der Tod im Spiel ist reine Spielmechanik, ohne die stete Wiederbelebung wäre das Game unspielbar. «Permadeath» nennt sich dieses Spielprinzip, und wenn es Entwickler gewagt haben, Gamer vor diese Aussichtslosigkeit zu stellen, handelte es sich jeweils um ein künstlerisches Statement.

Das Paradox

Der Tod im Spiel spricht auch ein anderes Paradox an: Mit riesigem Aufwand werden Spiele entworfen, die möglichst realistisch aussehen sollen. Haare flattern im Wind, die Haut wirft sich in Falten, die Abbilder der Gesichter zeigen das feinste Mienenspiel. Für die Glaubwürdigkeit der Figuren steigen die Designer in die Tiefen der Psychologie. Beim Tod aber kommt der Realitätswunsch an seine Grenzen – er lässt sich nicht digital replizieren.

Versuche, den Tod in Games anders zu behandeln, gibt es dennoch. Besonders Entwickler aus dem Indie-Bereich setzen sich bisweilen mit dem realen Ableben auseinander. So behandelt das Spiel «RiMe» beispielsweise die fünf Stadien der Trauer, bis der geliebte Mensch losgelassen werden kann. Im ausgezeichneten Spiel «That Dragon, Cancer» verarbeitete das Entwicklerpaar den realen Verlust ihres fünfjährigen Sohns. «A Mortician’s Tale» versetzt Spieler in die Haut eines Bestatters, in der er Leichen waschen und sich mit trauernden Angehörigen auseinandersetzen muss.

Nicht alles muss todernst sein

Manche Games stellen Spieler hingegen vor endgültige Tatsachen. In «Fahrenheit» begeht eine depressive Hauptfigur Selbstmord, wenn der Spieler falsche Entscheidungen trifft, und wird permanent aus dem Spiel genommen. In «Two Brothers», das zu zweit gespielt wird, stirbt an einem gewissen Punkt einer der beiden Brüder, was für den einen Spieler das Ende des Spiels bedeutet.

Andere Games benutzen den Tod mit Witz: Im Indiegame «Laichenberg» des Schweizer Kollektivs And-or.ch bleiben alle Leichen liegen, so dass sich der Spieler am Ende nicht mehr fortbewegen kann. Im Spiel «Life Goes On» lassen Spieler ihre Hauptfigur bewusst sterben, um mit der Leiche den Weg frei für die nächste Reinkarnation zu machen. Im soeben veröffentlichten Spiel «Death Coming» schlüpfen Spieler in die Haut des Sensenmanns, um tödliche Unfälle zu erzeugen.

Dass sich mit dem Gametod auch Geld verdienen lässt, haben Hersteller von Arcade-Kästen ebenfalls früh herausgefunden: Hatte die Spielfigur nämlich ihr letztes Leben verloren, konnte sie nur wiederbelebt werden, indem Spieler innerhalb einer bestimmten Zeit die nächste Münze einwarfen – «Insert coin» oder «Game over». Ironischerweise hat die Versilberung des Gametods mit dem Ende der Arcade-Geräte selbst das Zeitliche gesegnet. Zumindest vorerst.

Vom 10. bis 12. November findet im Walcheturm Zürich das gameZfestvial statt. Das Thema: «Game over» mit Fokus auf den Tod in Games. www.gamezfestival.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin am 10.11.2017 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    Sinn?

    Wenn ich meine PlayStation starte, möchte ich Spass haben und nicht deprimiert werden. Warum sollte man das depressivste Thema der Welt also zum Hauptthema eines Spiels machen? Damit man fröhliche Menschen depressiv und depressive Menschen noch depressiver machen kann? Völliger Quatsch.. Ein Spiel sollte in erster Linie Spass machen.

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  • Gamer am 10.11.2017 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Bitte besser informieren

    Es gibt durchaus Games in welchen man nur 1 Leben hat. Man kauft das Game, spielt und wen man verreckt ist das Game dauerhaft gesperrt. Der Tod ist endgültig. Ansonsten eine etwas "freundlichere" Variante, Hardcore oder/und Survival Modus. Wenn man krepiert ist alles weg. Bei Games wie Skyrim oder Fallout kann man nach hunderten Stunden wieder von 0 starten, juhuu.

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  • Jänny am 10.11.2017 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heavy rain

    Heavy rain hat mich echt fertig gemacht, weil man mit den figuren echt mitfühlt. Das war echt ein starkes spiel.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Many Calavera am 11.11.2017 08:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es geht auch anders...

    In Grim Fandango sind die Charaktere bereits Tot...

  • Andy am 10.11.2017 21:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Life is Strange Season 1

    Hat mich sehr fasziniert, wie gut Entwickler doch eigentlich mit diesem Thema umgehen und es rüberbringen können.

  • marko 32 am 10.11.2017 19:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schrecklich

    Schrecklich

  • Klei am 10.11.2017 18:47 Report Diesen Beitrag melden

    Hellblade

    Hellblade hat es gut gemacht. In dem Spiel wird man von einer Fäulniss befallen die sich sichtbar weiter ausbreitet jedesmal wen man stirbt. An einem gewissen Punkt ist kein reset mehr möglich und man muss von vorne anfangen. Anzahl unbekannt.

  • Anja am 10.11.2017 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    Enderal

    Wer gerne in einem Spiel Leere, Hilflosigkeit und eine gewisse Endgültigkeit spüren will, dem empfehle ich das Spiel Enderal. Eine gratis Total Conversion für die alte Skyrim Version. Andere gute Beispiele wurden im Text und in den Kommentaren schon genannt. Don't Starve ist natürlich toll, obwohl ich dort gerne auch "cheate" um das ganze Crafting mal durchzuspielen.

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