Open Source

14. Mai 2010 14:38; Akt: 03.11.2010 14:15 Print

«Wir sind offener als man denkt»

von Henning Steier - Microsoft hat freie Software wie Linux jahrelang aggressiv bekämpft. Nun sucht Manager James Utzschneider den Dialog mit der Entwicklerszene. 20 Minuten Online wollte wissen, ob es nicht zu spät ist.

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James Utzschneider ist seit über 15 Jahren bei Microsoft und war zuvor unter anderem im Team, das XML bei den Redmondern eingeführt hat. Seit Dezember 2009 ist er General Manager Open Source bei Microsoft und in der ganzen Welt unterwegs, um alte Mauern zwischen dem Unternehmen und den Entwicklern offener Software einzureissen, die auch unlängst in einer Podiumsdiskussion der Open Source Business Conference in San Francisco zu besichtigen waren: Veranstalter Matt Asay sagte auf dem Podium, es sei in Ordnung, dass Microsoft gegen Linux antrete, denn Entwickler des offenen Betriebssystems träten schliesslich ihr Kerngeschäft, Windows, an. Sogleich stand jemand im Publikum auf und sprach unter anderem die Halloween-Memos (siehe Infobox) an. Da hätte er seinen Nachbarn angestupst und ihn gefragt: «Was sind die Halloween-Memos?», erzählt Utzschneider, «ich bekam keine Antwort. Das zeigt: Nicht einmal in der Open-Source-Szene kennt jeder diese alten Geschichte. Die Leute, die sie geschrieben haben, arbeiten längst nicht mehr für Microsoft.»

Wie in der Politik werde es auch in der IT-Welt immer die harte Linke geben, die sagt, alles solle frei von Urheberrechten sein und man müsse Microsoft so oft wie möglich veräppeln, sagte Utzschneider, «ich denke, diese Leute werden wir für uns gewinnen.» Die anderen zu erreichen - das ist seine Aufgabe. Gerade von Gesprächen aus Wien und Brüssel zurückgekehrt, nahm sich der 47-Jährige Zeit für ein Telefon-Interview.

20 Minuten Online: Was genau machen Sie bei Microsoft?
James Utzschneider: Bei uns kümmern sich etwa 1000 Angestellte um Interoperabilität und Standards. Microsoft ist Mitglied in rund 150 Organisationen, die sich der Standardisierung verschrieben haben. Ich leite seit Dezember eine Gruppe von etwa 80 Mitarbeitern, die daran arbeitet, Kunden und Regierungen unsere Sichtweise auf Open Source nahe zu bringen. Das Team ist nun nicht mehr im Geschäftsbereich Servers und Tools angesiedelt, sondern direkt Kevin Turner unterstellt, der im Unternehmen für Finanzen und Marketing verantwortlich ist. Als die Gruppe vor acht Jahren gegründet wurde, lag der Fokus darauf, Linux zu bekämpfen. Damals ging Microsoft davon aus, dass alles, was mit offenen Standards zu tun hat, schlecht ist – beispielsweise Linux Server als ein Wettbewerber von Windows Server.

Ihr Unternehmen war früher nicht zimperlich. Erinnert sei nur an die Halloween-Memos oder die «Get the facts»-Kampagne, die nichts unversucht liessen, um Linux an den Pranger zu stellen.
Das sind alte Geschichten. Unser Unternehmen hat sich ebenso weiter entwickelt wie die Open-Source-Szene. Natürlich treten wir immer noch gegen bestimmte Produkte an – beispielsweise Red Hat, die aber auch mit anderen freien Lösungen wie Ubuntu im Wettbewerb stehen. Generell hat sich unsere Wahrnehmung von Open Source dahingehend verändert, dass wir es als einen Weg anerkennen, wie Software geschrieben werden kann, die viele unserer Kunden nutzen. Wir wollen die IT-Welt wissen lassen, dass wir den Schulterschluss suchen.

Was heisst das konkret?
Wir geben mittlerweile fast jede Woche einen Code frei – so wie kürzlich für Drupal, Joomla und jQuery. Auf einer eigens eingerichteten Website präsentieren wir eine bislang noch unvollständige Liste, die bis zu unserem Beitrag zurückreicht, den wir im Sommer 2009 für den Linux-Kernel bereitgestellt haben.

Laut Geeknet, der Firma hinter Technologie-Seiten wie SourceForge und Slashdot, ist der Prozentsatz von mit Windows kompatibler Open-Source-Software Ende 2009 auf 82 Prozent gestiegen. Vier Jahre zuvor lag er noch bei 72 Prozent. Wie geht es weiter?
Alles um 80 Prozent ist ein Erfolg, der sich aber noch steigern lässt, denn immerhin zählen wir weltweit eine Milliarde Rechner, auf denen Windows läuft und haben damit immerhin noch einen Markanteil von über 90 Prozent.

Wie wird Ihre Leistung gemessen?
Um ehrlich zu sein: Am 1. Juli beginnt unser neues Geschäftsjahr, daher habe ich mich bereits mit meinem Vorgesetzten getroffen, um meine Ziele festzulegen. Es geht im Wesentlichen um drei Punkte: Zum einen wollen wir die Wahrnehmung der Kunden messen, die unsere Produkte kaufen: Halten sie Microsoft für offen? Denn wir sind offener als die meisten denken. Daher ist es mein Job, Interviews wie dieses zu geben, bessere Websites erstellen zu lassen und auf Konferenzen zu sprechen. Zweitens wollen wir die Unterstützung messen, die wir von der Open-Source-Community bekommen, also wie viele Entwickler Tools für Windows schreiben. Und natürlich werden wir auch unseren Erfolg mit dem offener Produkte wie OpenOffice.org, Firefox und Red Hat vergleichen.

Welches ist ihr Favorit unter den Open-Source-Tools?
Wenn man sich ansieht, was alles auf Basis von Drupal entwickelt wurde, ist das beeindruckend.

Dass Sie jetzt OpenOffice.org sagen, war ja auch kaum zu erwarten. Microsoft hat mit docs.com unlängst eine eng mit Facebook verknüpfte, webbasierte Büro-Suite vorgestellt – als Konkurrenz für Google Docs. Ist dies der Anfang vom Ende des kostenpflichtigen Office-Pakets?
Auf keinen Fall. Es ist nur ein Teil unserer Strategie: Microsoft erzielt momentan noch den Grossteil seines Umsatzes mit Software, die auf Rechnern von Privat- und Firmenkunden installiert ist. In Zukunft soll das Gros der Erlöse mit Programmen generiert werden, die in unseren Rechenzentren laufen. Es geht also in Richtung Cloud Computing. Open Source bietet uns dabei interessante Möglichkeiten: Wenn wir dafür sorgen, dass Tools wie PHP, Java und Ruby on Rails reibungslos von Windows Azure unterstützt werden, dann stellen wir sicher, dass Entwickler interessante Lösungen dafür anbieten können.

Wie sieht Ihre Bilanz nach den ersten Monaten im Amt aus?
Die Open-Source-Community vereint viele unterschiedliche Menschen, Organisationen und Firmen – mit diversen Ansichten. Im März war ich auf der Open Source Business Conference in San Francisco. Die beliebtesten Veranstaltungen waren jene, in denen Risikokapitalfirmen informierten, wie Entwickler Geschäftsmodelle entwickeln können. Und genau diese kommen zu uns und fragen: «Wie können wir mit euch zusammenarbeiten, denn wir wollen Produkte liefern, die mit Azure oder Windows Live funktionieren und damit für eure Kunden interessant sind?» Die Tage der Schwarz-Weiss-Malerei sind vorbei – wir versuchen Brücken zu Open-Source-Entwicklern zu bauen. Die Zeiten, in denen die meisten von ihnen nur für Ruhm und Ehre arbeiteten, sind vorbei.

Google gibt sein auf Linux basierendes Betriebssystem Android zwar gratis, aber mit eindeutigen Hintergedanken frei. In den USA wurden im ersten Quartal erstmals mehr Android-Handys als iPhones verkauft. Steve Ballmer hat bei der Präsentation von Windows Phone 7 in Barcelona klar gestellt, dass das mobile OS ein geschlossenes bleiben wird – eine richtige Entscheidung?
Die Schlussfolgerung, dass Open Source sich langfristig auf allen Produkten durchsetzen wird, ist falsch. Denn wie Apple gezeigt hat, kann man mit einem geschlossenen System gutes Geld verdienen, wenn man die Kunden im Auge behält.