Applikationen

28. Juli 2010 09:53; Akt: 28.07.2010 12:49 Print

Google kämpft gegen Piraten

von Henning Steier - Smartphones mit dem Betriebssystem Android sind für Raubkopierer erste Wahl. Nun wird es ihnen schwerer gemacht. Gestohlene Apps sollen sich selbst melden.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Mittlerweile sind im Android Market über 70 000 Apps zu finden. Damit verzeichnet Googles Angebot zwar nicht einmal die Hälfte des Apple-Angebots, dürfte aber in einer Kategorie klar vorn liegen: Piraterie. Zwar verschwinden einschlägige Foren wie Blapkmarket in der Regel nach einiger Zeit aus dem Netz, es gibt allerdings zahlreiche andere Seiten, auf denen sich Raubkopierer bedienen können.

Eine Quelle ist droidfanz.com. In den Nutzungsbedingungen der Website, die sich offiziell Android OS Community nennt, ist zu lesen: «Der Austausch von urheberrechtlich geschützten Dateien über unsere Seite ist verboten. Sie sollten nicht annehmen, dass es erlaubt ist, etwas weiter zu verbreiten, nur weil jemand anders es verfügbar gemacht hat. Die Einhaltung der jeweiligen Gesetze liegt in Ihrer Verantwortung.» Wer gegen die Bedingungen verstosse, werde umgehend von der Seite verbannt, heisst es weiter. Wer sich allerdings im Download-Bereich von droidfanz.com umsieht, gewinnt den Eindruck, dass die Macher nicht allzu offensiv gegen Nutzer vorgehen, die geschützte Inhalte verbreiten. So lassen sich problemlos mehrere Hundert Applikationen auf Android-Smartphones herunterladen. Wie in der obigen Bilderstrecke dokumentiert, ist dies auch unerfahrenen Nutzern ohne Weiteres möglich. Einziger Nachteil für den User: Weil die Apps vom Android Market nicht erkannt werden, erhält man keine Updates, die beispielsweise Fehler beheben. Dafür müssen Besitzer von Android-Geräten diese im Gegensatz zu iPhones nicht entsperren, um Apps aus fremden Quellen zu installieren. Wer ein Apple-Smartphone hat, verliert überdies nach einem so genannten Jailbreak sämtliche Garantieansprüche.

Fremde Quellen als Risiko

Im Gespräch mit 20 Minuten Online hatte Matthias Meyer, Sprecher von Google Schweiz, Anfang März gewarnt: «Bei Applikationen, welche nicht über den Android Market heruntergeladen werden, besteht ein wesentlich höheres Risiko, dass sie mit Schadcode verseucht sind.» Er wies überdies darauf hin, dass es Entwicklern freistehe, ihre Apps mit eigenen Kopierschutzmechanismen zu versehen. Dass jede Webseite Android-Tools zum Download anbieten kann, liege in der Natur eines offenen Systems begründet.

Kürzlich hatte Google massive Kritik von Entwicklern geerntet - unter anderem von Jon Lech Johansen. Der Hacker wurde als DVD-Jon bekannt, der diverse Kopierschutzmechanismen aushebelte. In seinem Blog bemängelte er, dass der Android Market in 46 Ländern verfügbar sei, Entwickler jedoch nur in 13 davon überhaupt kostenpflichtige Anwendungen anbieten könnten. Die Preise werden nicht in der jeweiligen Landeswährung des Nutzers, sondern in der des Anbieters angezeigt. Entwickler könnten ausserdem keine ans jeweilige Land angepassten Preise verlangen. Auch eine Bezahlmöglichkeit in einer App, die beispielsweise das Umsteigen von einer Test- auf eine Vollversion ermöglicht, vermisste Johansen. Nicht zuletzt vermisst er eine Möglichkeit, Kunden im Changelog über Änderungen in der neuen Version einer Applikation informieren zu können.

Musik gratis herunterladen

Auch in Googles Support-Forum für den Android Market wurde das Unternehmen scharf kritisiert. Unter anderem wurde bemängelt, dass die Internetversion des Angebots nicht genügend erhältliche Anwendungen präsentiere. Ausserdem seien Googles Umtauschbedingungen zu kulant. Im Unterschied zur Konkurrenz kann man gekaufte Android-Apps binnen 24 Stunden zurückgeben und erhält den Kaufpreis erstattet. Überdies beklagten sich Entwickler über einen zu hohen Anteil an Spam-Kommentaren sowie rechtlich problematischen Apps im Android Market. Als Beispiel für letztere nannte Johansen 144 Klingelton-Apps, von denen viele Urheberrechte verletzten und die überdies die Multimedia-Sektion verstopfen. Er verwies ausserdem auf die Gratis-App Tunee, mit der man nach Musik suchen und geschützte Songs herunterladen könne. Google reagiert erst, wenn Nutzer Apps melden. Tunee wurde bislang nicht entfernt.

Gegen direkte App-Piraterie will das Unternehmen nun aber vorgehen. In einem offiziellen Blogeintrag hat Google angekündigt, dass Entwickler nun ihre kostenpflichtigen Apps mit gratis zur Verfügung gestelltem Code versehen können. Dieser sorgt dafür, dass die jeweilige Applikation beispielsweise Kontakt mit Google-Servern aufnimmt, nachdem sie installiert wurde. So soll überprüft werden, ob sie rechtmässig erworben wurde. Das Ganze funktioniert auf Smartphones mit mindestens Android 1.5 und der Market-App. Letztgenannte kennt nämlich die Zugangsdaten des Nutzers, so dass der Suchmaschinist nicht auf den Google-Account des Besitzers zugreifen muss. Wird die jeweilige App als Raubkopie identifiziert, soll sie entweder gesperrt werden oder nur noch als Demo-Version laufen.

«Für App-Entwickler ist der Licensing Service natürlich ein äusserst interessanter Ansatz», sagte Corsin Camichel zu 20 Minuten Online. Der Rapperswiler Student hatte kürzlich mit TV.Centerr hierzulande die erste Fernseh-Applikation für Android präsentiert. «Das gesamte System hinter Googles Angebot ist gut durchdacht und einfach zu implementieren. Die Onlinehilfe gibt eine Best-Practice-Anleitung - von A bis Z.» Für Schweizer Entwickler werde sich dadurch momentan jedoch nicht viel verändern, da hier auch weiterhin keine Apps verkauft werden können.