Applikationen

01. Dezember 2009 13:19; Akt: 01.12.2009 17:38 Print

«375 Dollar für nichts»

von Henning Steier - Facebook stampft sein Gütesiegel namens «Verified Apps» ein. Es sollte User vor Cyberkriminellen bewahren. Was die Community nun gegen Betrüger tun möchte, dazu macht sie nur vage Andeutungen.

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Facebook: Keine «Verified Apps» mehr

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Bereits Ende Oktober hatte das soziale Netzwerk anlässlich der Konferenz «Facebook Developer Garage» im kalifornischen Hauptquartier angekündigt, sein Programm «Verified Apps» auslaufen zu lassen. Entwickler hatten 375 US-Dollar gezahlt und dafür ein Gütesiegel erhalten, das Anwender von der Qualität der jeweiligen Applikation überzeugen sollte.

Hintergrund war, dass Applikationen für Facebook immer wieder mit Sicherheitslücken oder Abzockereien Schlagzeilen machten. So berichtete 20 Minuten Online beispielsweise Mitte November, dass eine Anwaltskanzlei bei einem kalifornischen Gericht eine Sammelklage gegen Facebook und Zynga eingereicht hat. Darin wird den Unternehmen vorgeworfen, dass ihr Geschäftsmodell auf betrügerischen Absichten basiere. So können Spieler zum Beispiel durch das Ausfüllen von Fragebögen, deren Auswertung per SMS mitgeteilt wird, zusätzlich Punkte verdienen. Wer die Handynummer allerdings preisgibt, meldet sich ohne sich darüber bewusst zu sein, bei einem kostenpflichtigen Abodienst an. Zu den Zynga-Klassikern gehören neben «FarmVille» auch vermeintliche IQ-Tests. Auch sie enden mit einer teuren Handyrechnung.

Facebook und Zynga vor Gericht

Davon profitiert auch Facebook, das gemäss der Klage an den Betrügereien mitverdienen soll. Die Community soll mit Social Games zwischen 50 und 100 Millionen US-Dollar Umsatz generieren. Um das Image aufzupolieren, hatte Facebook eine Woche zuvor bekannt gegeben, dass man über 100 Anwendungen entfernt hätte, bei denen den Usern der Tritt in die Abofalle drohte.

Laut allfacebook.com hatte das Unternehmen bereits seit Anfang November E-Mails an Entwickler versandt, in denen das Ende des «Verified-Apps»-Programms auf den 1. Dezember 2009 terminiert wurde. In einem Blogeintrag liefert Facebook folgende Begründung: «Die Idee der Verifikation soll auf alle Apps ausgeweitet werden.» Allerdings heisst es weiter: «Die Webseite bleibt eine offene Plattform, auf der Entwickler ihre Apps ohne Zustimmung von Facebook präsentieren können.» Trotzdem könnten die Tools auch in Zukunft jederzeit überprüft werden. Gleichzeitig kündigte Facebook an, sein Team, das sich um Einhaltung der Nutzungsbestimmungen durch Entwickler kümmert, aufstocken zu wollen. Facebook setzt damit weiterhin auf die Mithilfe seiner Nutzer, welche dubiose Applikationen über ein eigens eingerichtetes Formular melden können. Nachfragen von 20 Minuten Online liess Facebook bislang unbeantwortet.

Fast zynisch wirkt da der Kommentar in einem Artikel des Technologie-Blogs TechCrunch: «Facebook hat schon lange von den betrügerischen Spielen, Bannern und Angeboten Dritter gewusst. Und das «Verified-Apps»-Siegel erhielten Applikationen, die Taktiken nutzen, wegen denen Facebook und Zynga nun verklagt worden sind.» Dementsprechend heisst es darunter auch im Beitrag eines Nutzers: «375 Dollar für nichts. Sie haben einen gebeten, ein guter Junge zu sein, während alle anderen die Nutzer abzocken konnten und damit durchkamen.»

Vorsicht, Cybergangster

Mikko Hyppönen, Chef des finnischen Sicherheitsanbieters F-Secure, hatte kürzlich der Zeitung Guardian erzählt, dass er sich Faceook verweigert: «Seiten wie diese sind für Kriminelle erste Wahl. Cyber-Gangster stehlen einen Account, schicken allen Kontakten einen Link zu gefährlichen Seiten und weil die Nutzer ihrem Bekannten vertrauen, infizieren sie beispielsweise ihren Rechner», sagte Hyppönen dem Blatt. «Die jüngsten Fälle sind erst der Anfang.» Der Finne berät unter anderem das FBI, Interpol und Scotland Yard.

Ende Oktober hatte das soziale Netzwerk von einem Gericht in San Jose eine Entschädigung von 711 Millionen US-Dollar zugesprochen bekommen. Zahlen muss Sanford Wallace. Er und seine Komplizen hatten Nachrichten an Millionen Facebook-User über E-Mail-Adressen verschickt, die sich die Spammer illegalerweise besorgt hatten. Die Mitteilungen enthielten Links zu Webseiten, deren Betreiber die Cyberkriminellen für jeden Klick bezahlten. Sam O'Rourke aus der Rechtsabteilung des Unternehmens schrieb damals im Firmen-Blog, man rechne allerdings damit, einen Grossteil der Summe nicht zu bekommen. O'Rourke sieht das Urteil vor allem als Abschreckung für Spammer. Denn das Gericht hatte die Staatsanwaltschaft aufgefordert, weiter gegen Sanford Wallace, der schon oft als Spammer aufgefallen ist, zu ermitteln. Am Ende könnte für Wallace eine Gefängnisstrafe herausspringen, so O'Rourke weiter.