Megaprojekt am Nil

08. Oktober 2017 17:33; Akt: 08.10.2017 17:33 Print

Wegen Damm – Ägypten befürchtet biblische Dürre

Mit einem riesigen Staudamm wollen die Äthiopier dem Nil Tausende Megawatt Strom abtrotzen. Flussabwärts protestieren die Ägypter, die ihre Lebensquelle versiegen sehen.

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Der Nil ist die Lebensader Ägyptens: Seit jeher knüpft das Land sein Schicksal an den mächtigen Fluss. Umso stärker ist jetzt die Angst, vom überlebenswichtigen Wasser inmitten von Wüstenland abgeschnitten zu werden, wenn Äthiopien seinen neuen Riesenstaudamm in Betrieb nimmt.

Der Grand Ethiopian Renaissance Dam, auf Deutsch etwa «Grosser Damm der äthiopischen Wiedergeburt», ist ein Megaprojekt am Blauen Nil, der sich später mit dem Weissen Nil vereinigt und durch Ägypten zum Mittelmeer fliesst. Das 5-Milliarden-Dollar-Bollwerk (rund 4,82 Milliarden Franken) soll die grösste Wasserkraftsperre Afrikas werden. Das Projekt gilt als Erfüllung eines langgehegten Traums in einem der ärmsten Länder des Kontinents, in dem ein Grossteil der 95 Millionen Einwohner keinen Strom hat. Geplant ist eine Kapazität von mehr als 6400 Megawatt.

Droht Ägypten eine Dürre?

Inzwischen sind die Arbeiten zu etwa zwei Drittel vorangeschritten. Noch in diesem Jahr oder Anfang kommenden Jahres sollen sie abgeschlossen sein. Wenn der Bau dann steht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das riesige Staubecken gefüllt wird.

Genau das ist der Knackpunkt: Ägypten fürchtet, dass damit nicht mehr genügend Nilwasser weiterfliesst, seine eigenen fruchtbaren Ebenen entlang des Flusses vertrocknen und die ohnehin unter Wasserknappheit leidende und weiterhin wachsende 93-Millionen-Bevölkerung unter immensen Druck gerät.

Nachbarländer wollen auch Nilwasser

Immer wieder sorgen Staudammprojekte für Streit mit flussabwärts liegenden Ländern, in diesem Fall ist es aber besonders heikel. Denn nur wenige Länder sind so stark von einem einzigen Gewässer abhängig wie Ägypten. Der Nil stellt mehr als 90 Prozent der Wasserversorgung, fast die gesamte Bevölkerung lebt im Niltal.

Derzeit hat sich Ägypten in Abkommen von 1929 und 1959 einen Löwenanteil des Wassers gesichert: mehr als 55 Milliarden der etwa 88 Milliarden Kubikmeter, die jährlich hindurchfliessen. Nachbarländer wenden ein, das sei nicht gerecht und ignoriere die Bedürfnisse ihrer eigenen wachsenden Bevölkerung.

Wasserknappheit, bis das Reservoir gefüllt ist

Wann und wie genau das Renaissance-Staubecken gefüllt werden soll, hat Äthiopien noch nicht verkündet. «Wir berücksichtigen die wahrscheinlichen Auswirkungen auf Länder wie Ägypten und Sudan», versicherte der zuständige äthiopische Minister Sileshi Bekele.

Was der äthiopische Megadamm für die flussabwärts liegenden Länder bedeutet, ist noch völlig unabsehbar. Die Regierung in Addis Abeba betont, dass er dem Sudan und Ägypten keinen beträchtlichen Schaden zufügen wird. Vieles hängt aber wohl davon ab, wie schnell das Reservoir gefüllt wird, das 74 Milliarden Kubikmeter umfassen soll. Sobald die Füllung erfolgt ist, kann der Nil theoretisch wieder mit normaler Kapazität fliessen.

Die Länder müssen sich absprechen

Nach einer Studie der Universität Kairo würde Ägypten erschreckende 51 Prozent seiner Anbaufläche einbüssen, sollte das Becken innerhalb von drei Jahren aufgefüllt werden. Bei einer Dauer von sechs Jahren wären es noch 17 Prozent des Ackerlands. Regierungseigene Erhebungen schätzen laut Aussagen aus dem Bewässerungsministerium, dass pro eine Milliarde Kubikmeter fehlenden Wassers rund 80'000 Hektaren Anbaufläche verloren gehen und eine Million Menschen betroffen sind.

Andere Experten hingegen gehen davon aus, dass die Auswirkungen viel geringer wären, vielleicht sogar kaum spürbar. Ägypten könnte ohne Schaden davonkommen, wenn es mit Äthiopien gut zusammenarbeite und Informationen austausche, heisst es. Dann könne die Auffüllgeschwindigkeit so angepasst werden, dass noch genug Wasser weiterfliesst und das ägyptische eigene Reservoir am Nil, der Nasser-Stausee südlich von Assuan, ausreichend gefüllt bleibt.

Eine einmalige Situation

Bislang steht aber genau das noch aus. «Soweit ich weiss, ist diese Situation einmalig», sagt der Umweltexperte Kevin Wheeler von der englischen Universität Oxford. «Mir fällt kein anderer Fall ein, bei dem es zwei Reservoirs hintereinander gibt und keinen Plan, die beiden zusammen zu betreiben.»

Auch eine unabhängige Studie über die Auswirkungen des Renaissance-Damms, auf die sich Äthiopien, der Sudan und Ägypten 2015 verständigten, kommt wegen Unstimmigkeiten bei den Modalitäten kaum voran. Eigentlich sollte sie schon längst fertig sein.

(dapd)